Archiv für Oktober 2009
Lebensstile und die Zukunft des Konsums
Die Gesellschaft der Industriestaaten hat sich in den letzten 100 Jahren in einem atemberaubenden Tempo gewandelt. Die klar hierarchisch strukturierte Gesellschaft von früher löst sich zusehends auf. Damit verschwinden auch die gesellschaftlich und institutionell vorgeprägten Wertemuster. Das Handeln des Einzelnen ist freier geworden. Die Handlungsmöglichkeiten der Menschen sind so vielfältig geworden, dass man sie gar nicht mehr ausschöpfen kann. Überall blinkt und blitzt etwas und signalisiert “komm zu mir”, “kauf mich”, “probier mich”… Längst können wir nicht mehr allen Impulsen nachgehen, alles ausprobieren. Die Reaktion auf diese Angebotsvielfalt, ist die Organisation in Lebensstilgruppen. Natürlich geschieht dies nicht bewusst und gezielt, sondern im Zuge eines “ungesteuerten” Prozesses. Man spricht von Ordnung durch Stile.

Die Bionade - das klassische Lifestylegetränk
Jeder lebt seinen Stil, der auf einer Werthaltung basiert. Stilgruppen zu unterscheiden ist eine Aufgabe die unterschiedliche Forschungsinstitute übernehmen. Am bekanntesten sind heute die Sinus-Milieus. Die Kernmerkmale für eine erste grobe Gliederung sind Lebensalter und Bildung. Diese zwei Komponenten steuern das Verhalten der Menschen massiv.
Ausdruck finden die unterschiedlichen Stile z.B. durch den Konsum, bzw. Konsumverzicht. Hier wird es für unser Wirtschaftssystem interessant. Konsumartikel und touristische Destinationen werden heute gezielt nach diesen Zielgruppen ausgerichtet und entwickelt. Der Konsument kauft nicht was es braucht, sondern was es gerne wäre. Wer diese Logik der Konsummärkte begreift, hat schon gewonnen. Doch genau in diesem Punkt liegt auch die elementare Gefahr!
70% der Wirtschaftsleistung in der USA werden durch den Konsum ausgelöst. Nicht erst seit der Finanzkrise wissen wir, dass wir und besonders die Amerikaner, mehr konsumieren als wir uns leisten können. Wir kaufen ja nicht was wir brauchen, sondern was wir gerne sein möchten. Konsum auf Kredit hat ein Ablaufdatum. Die Frage, ob sich das derzeitige Konsumverhalten noch beliebig verlängern lässt, beantwortet der Geschichtsforscher Wolfgang König in seinem Buch “Die kleine Geschichte der Konusmgesellschaft” mit Nein. Er ergänzt,
“die ökologische Krise macht uns deutlich, dass unser konsumptiver Lebensstil kein global anwendbares Modell ist.”
Weiter folgert er:
“Illusorisch ist die Annahme, dass eine weiter entwickelte Technik den ärmeren Ländern ein hohes Entwicklungsniveau erlaubt, ohne dass wir etwas abgeben müssen. Auch die freiwillige Askese der reichen Länder scheint unmöglich. Wahrscheinlicher ist eine Kombination beider Ansätze. Die Gesellschaft befinde sich in einem Umbruch. Alle großen Umbrüche werden allerdings nicht von Zeitgenossen, sondern erst ein halbes Jahrhundert später als solche erkannt. Derzeit sind wir noch nicht in der Lage, die Lage zu überblicken.”
Die Konsumgesellschaft in der heutigen Form, scheint ein Auslaufmodell zu sein. Da sie es aber ist, die unser Wirtschaftssystem und unsere Machtgefüge stützt, wir dieses Ende nicht ohne Konsequenzen für uns alle sein. Was bedeutet das für die Lebensstile? Über kurz oder lang, wird der Konsum nicht mehr die Rolle bei der Distinktion zwischen Lebensstilgruppen spielen. Denn Grundvoraussetzung für die Bildung der Stilgruppen ist das Vorhandensein einer Wahlmöglichkeit. Fällt diese in einem betrachteten Konsumbereich weg (z.B. Lebensmittel), so dient dieser Bereich nicht mehr als Unterscheidungsmerkmal. Werden wir in Zukunft also “gleicher”? Langfristig ist davon auszugehen. Doch in Zeiten eines strukturellen Wandels (das Ende der Konsumgesellschaft wie wir sie kennen), sind kurz- und mittelfristige Prognosen äußerst gefährlich.
Der Winter und die Zukunft des Wintertourismus
Angesichts der Prognosen muss man sich vor dem Winter wirklich fürchten. Ulrich Reinhard, Vorstand der Stiftung für Zukunftsfragen von BAT (British American Tobacco), spricht von 20 Prozent weniger Deutschen in der kommenden Wintersaison. Kurzfristige und kleinräumige Prognosen sind natürlich immer sehr gefährlich, doch scheinen die Vorzeichen für die Wintersaison tatsächlich nicht gut zu stehen. Die Angst um den Arbeitsplatz ist noch immer akut, der 2. Urlaub wird oft gestrichen. Grundsätzlich attestiert der Zukunftsforscher Reinhard dem Volk auch eine sinkende Urlaubslust. Die Anschläge von 9/11 hätten zu einem ersten massiven Absinken von Urlaubsreisen geführt, die Weltwirtschaftskrise vertiefe nun seinen Ausführungen nach diese Kerbe.

Passend zum Wetter dieser Tage!
Mittelfristig sieht er den Klimawandel als massives Problem: ” Wenn man in einigen Jahren nur mehr auf über 1500 Metern Skifahren kann, dann hilft ohnehin nur vom Skitourismus wegzukommen”. Diese Einschätzung kann ich nicht ganz mit ihm teilen. Dass der Mensch das Klima durch sein Handeln beeinflusst, steht für mich außer Streit. So oder so muss in diesem Zusammenhang etwas gemacht werden. Doch herrscht in der Wissenschaft noch immer kein Konsens wie sich das Klima weiter entwicklen wird. Das “Klima” kann rasch kippen oder langsam wärmer werden. Global Dimming und die Sonnenaktivität überlagern den antropologisch verursachten Klimawandel. Immer neue Aspekte tauchen auf. Nachdem die Wissenschaft nicht in der Lage ist das Erdklima mit einem ausreichend exakten Modell zu beschreiben, glaube ich auch nicht, dass es möglich ist präzise Voraussagen zu machen. Diese meine Skepsis soll bitte keine Werbung für eine “business as usual”-Strategie sein. Das Vorsorgeprinzip sollte uns auf alle Fälle dazu verpflichten, dass wir unsere Umwelt schonen. Der Mensch muss wieder lernen, dass er ein Teil des Systems Erde ist. Die Erde spielt nicht nach unseren Regeln, wir müssen uns ihren Regeln unterordnen.
Kurz- und mittelfristig wird uns aber nicht der Klimawandel oder drohende Energieknappheit beschäftigen, sondern die noch immer nicht ausgestandene Finanzkrise. Die Ursachen der Krise wurden nicht im geringsten “bearbeitet”. Viele Analysten und Kommentatoren sprechen ganz deutlich von einer weiteren Runde Kasino-Kapitalismus, finanziert durch Rettungspakete der Staaten (Steuerzahler). Doch auch diese Runde (Blase) wird ein Ende finden.
In Summe sind die Aussichten kurz- und mittelfristig nicht besonders erbauend. Ein klarer Blick für die wesentlichen Zusammenhänge ist in dieser Situation hilfreich! Wir befinden uns in “unsicheren Zeiten” – alt hergebrachte Modelle funktionieren nicht mehr – klimatologisch als auch wirtschaftlich!
Wieso Graf Dracula nicht funktioniert!?
Am letzten Wochenende war ein recht interessanter Artikel über Rumänien bzw. das Geschäft mit der Legende des Grafen Dracula in der Presse nachzulesen. Eigentlich ging es um das nicht funktionierende Geschäft mit dem Thema. Unterschiedliche Veranstaltungen und Anbieter wollen mit dem Blutsauger Geld machen, doch scheint das Thema nicht zu “ziehen” bzw. agiert man ziemlich planlos.

Graf Dracula - die "Softvariante"
Die Ursachen dafür, dass das Thema nicht anspringt, sind sicherlich vielfältiger Natur. Prinzipiell ist aus meiner Sicht aber auch folgender Umstand maßgeblich: Dracula ist ein Mythos. Damit wäre eigentlich eine ideale Bedingung für die Vermarktung gegeben. Mythen charakterisieren sich dadurch, dass man sie für gegeben hält. Man fragt nicht nach was ist wahr und was Geschichte. Geht man tiefer in den Mythos Dracula so erkennt man jedoch, dass der Graf Dracula in negativ im Sinne von Angst und Furcht belegt ist (Konotation). Negative Emotionen erzeugen “negative” Handlungen, Furcht vor etwas löst Fluchtverhalten aus. Meiner Meinung nach eignet sich solch ein Mythos nur für einen singulären Themenpark, der in einer starken Tourismusregion mit großer Bettenkapazität und starker Auslastung gebaut werden kann. Als Zugpferd für einen nachhaltigen Tourismus, der auf die kulturelle Besonderheit einer Region eingeht, eignet sich die Marke Dracula nicht. Wo im Erlebnisraum zwischen Landschaft und Kultur kann man diesem Mythos nachspüren? Was ich (auf Urlaubsbildern von Bekannten) von Rumänien gesehen habe, passt Dracula zur rumänischen Landschaft wie ein Atomkraftwerk auf eine österreichische Alm.
Das Potenzial Rumäniens lässt sich sicherlich auf andere Art und Weise heben.
Wohin geht die Reise?
Wir (= Industrienationen) sind erwachsen geworden. Wirtschaftswissenschaftler sprechen von reifen Volkswirtschaften, Vermarkter von müden Konsumenten und Soziologen von einer Sinn-entleerten Gesellschaft. Der Steirische Landtagsabgeordnete Ober skizziert unsere Gesellschaft wie folgt: Noch nie hat eine Gesellschaft soviel Ressourcen für ein zutiefst unerfülltes Leben gebraucht, wie dies aktuell der Fall ist.
Zuviel macht nicht glücklich, das die einfache Erkenntnis. Mit steigendem Konsum nimmt die nutzenstiftende Befriedigung ab. Dieser Umstand ist eine Triebfeder des sich abspielenden Wertewandels in der Gesellschaft. Dieser Wertewandel und der Umstand, dass wir in einer reifen Volkswirtschaft leben, macht das Weiterschreiten auf dem Wachstumspfad immer schwieriger. Nichts in der Natur wächst ewig. Auch die Wirtschaft kann das nicht leisten, sie ist und bleibt ein Teilsystem des gesamten Naturhaushaltes und kann sich nicht von ihm loslösen.
Die Wachstumsdynamik hat den Industrienationen einen noch nie dagewesenen Wohlstand gebracht. Wir sind eine paar Sprossen höher geklettert auf der Wohlstandsleiter. Nun liegt es an uns diesen Wohlstand gleichzuverteilen und ihn zu erhalten. Dafür braucht es neue Denkmuster. Öklogisch gesehen bleibt uns nicht mehr viel Spielraum, ökonomisch gesehen kämpfen die reifen Wirtschaften mit dem Wachstum, auf der sozialen Ebene geht die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auf.
Der Wandel ist für aufmerksame Beobachter schon feststellbar. Vorerst kommt er nur langsam, aber er ist nicht aufzuhalten, da der Motor für diesen Wandel in jedem einzelnen von uns liegt! Matthias Horx bezeichnet die Entwicklung als eine Wandlung zur Sinngesellschaft.
Best practice: Nachhaltigkeit schafft Zufriedenheit
Aus dem Leben gegriffen – meine ganz persönliche Erfahrung mit gelebter Nachhaltigkeit:
Wenn man sein Büro einrichtet und gestaltet, hat man viele Möglichkeiten dies zu tun: a) zu einem großen schwedischen Möbelhaus fahren, b) eine andere ähnlich gelagerte Kette wählen, c) den Tischler mit einer “08/15″ Ganitur beauftragen, oder d) seine eigene Kreativität und die des Tischlers für die Gestaltung eines individuellen Produkts anzapfen.
Ich habe mich für Variante “d” entschieden. OK, zugegeben nicht alle Einrichtungsgegenstände im Büro stammen von Variante “d”. Doch dies ist auch gar nicht notwendig. Nachhaltigkeit kommt nicht von heute auf morgen, das ist ein Prozess. Schritt für Schritt. Den Anfang machte bei mir der Couchtisch.
Nachdem ich mit dem “Tischler meines Vertauens” Ideen ausgetauscht hatte, ihm mein Verständnis von Nachhalitgkeit erklärt hatte und ihn “beauftragt habe diese Nachhaltigkeit in mein Büro zu bringen”, ließ ich ihm freies Spiel. Gespannt wartete ich auf den Liefertermin und was mich erwarten würde. Als es so weit war, das gute Stück in meinem Büro stand und Georg (der Schöpfer des Couchtisches) mir die Geschichte und die Funktionalität des Mobilars erklärte, war ich hochzufrieden mit dem Stück.

Aus einem Wurzelstock wird ein funktionaler Couchtisch.
Nicht nur, dass es ein Einzelstück ist und bleiben wird, ich weiß wo der Wurzelstock herkommt, wie er nachbearbeitet wurde, war dabei als die Glasplatte montiert wurde und kenne den Menschen der das Produkt hergestellt hat. Außer dem persönlichen Effekt ein Einzelstück mit Geschichte für meine Eitelkeit zu besitzten, regionale Wertschöpfung ausgelöst zu haben, soziale Kontakte vertieft zu haben, war die Aussage von Georg das “Sahnehäubchen” für mich: “Es wäre schön immer so kreativ tätig zu sein und seinen Fähigkeiten und Ideen freien Lauf zu lassen.”
Dinge zu schaffen, seine eigene Kreativität einbringen zun können, stolz darauf zu sein etwas besonders geschaffen zu haben. Befriedigung in sinnvoller und sinngebender Arbeit zu finden ist eine maßgebliche Komponente nachhaltiger Entwicklung und wichtiger Bestandteil für die Formung einer zufriedenen und erfüllten Gesellschaft.
….und das nächste Stück – “mein” Regal – ist schon im Entstehen, ich werde berichten!
