Vor der Krise ist IN der Krise

Wenn man sich mit der Zukunft beschäftigt, muss man zwangsläufig im systemischen Denken verhaftet sein. Prognosen die  nur auf einen Ausschnitt der Realität berücksichtigen sind zum Scheitern verurteilt. Je tiefer man in “das System” unserer Gesellschaft eindringt, desto mehr verlässt man das Greif- und Fassbare und taucht in die Psychologie ein.  Es ist wirklich erstaunlich, zu welchen Erkenntnissen die moderne Psychologie (verknüpft mit den Naturwissenschaften)  in den letzten Jahren gelangt ist.  Diese Erkenntnisse, die ich an anderer Stelle vertiefen möchte, lassen ein völlig neues Verständnis unserer heutigen Situation entstehen. Dabei gerät unsere materialistische Prägung stark ins Wanken und die Bedeutung des Geistes (metrisches Feld bei Einstein) wird hervorgehoben. Der Übergang von einem rein matrialistischen Weltbild hin zu einer Gleichberechtigung von Materie und Geist ist die Herausforderung der wir uns stellen werden müssen. Was 1970 mit den “Grenzen des Wachstums” (Meadows) begann, erlebt dieser Tage in den Medien eine Wiedergeburt.  Aktuelle Beispiele sind auf den Seiten des ORF und des Standard zu finden. Interessant in diesem Zusammenhang ist auch die Konferenz Wachstum im Wandel im Jänner in Wien.

Im Herbst 2008 tönte ein aufwühlender Spruch durch die Medien: “Nach der Krise wird nichts mehr sein wie vor der Krise”. Nun stehen wir am Wechsel in das Jahr 2010 – und was hat sich geändert? Wenn der Spruch Gültigkeit haben soll (und die hat er meiner Meinung nach),  stehen wir noch immer am Anfang der Krise, denn geändert hat sich noch nichts. Das System ist das gleiche. Sämtliche Anreizmechanismen und Regeln funktionieren wie bisher, es wird versucht das alte System wiederzubeleben. Vor der Krise ist also nach der Krise – oder treffender, vor der Krise ist in der Krise.

Mein Lebensprojekt

Traditionell blickt man am Ende jedes Jahres mit einem Auge zurück und mit dem anderen nach vor. Was ist gelaufen, was bringt die Zukunft? Für mich persönlich hat mein “Lebensprojekt”  Zukunftsraum begonnen.  Angetrieben von der Frage nach dem Warum und Wieso stelle ich mich den Fragen der Zukunft.

Die Erde dreht sich auch 2010 weiter!

Die Erde dreht sich auch 2010 weiter!

Zukunft war in den letzten 60 Jahren immer ein Garant, dass es für uns Westeuropäer – zumindest materiell – immer besser wird. Im historischen Kontext haben wir es mit einer einmaligen Situation und einem einmaligen Wohlstandsgewinn zu tun. Spätestens seit der Jahrtausendwende hat sich das positive Zukunftsbild etwas verdunkelt. Die Internetblase, die Anschläge von 9/11, Afganistan, Irak, Ölpreisrally, Finanzkrise, Wirtschaftskrise, Klimaalarm, um nur einige wenige ganz offensichtliche Ereignisse zu erwähnen. Gerade mit den jüngsten wirtschaftlichen Ereignissen hat ein Nachdenkprozess eingesetzt, die Zukunft wird kritischer gesehen. Wer offenen Auges durch die Welt geht, Zeitung liest, sich im Internet erkundigt und reflektiert, der kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass sich etwas tut.

Ich persönlich bin nach 3-jährigem persönlichen Studium von Peak Oil, Finanz- und Wirtschaftssystem, Klimawandel und sozialer Gerechtigkeit zu der Erkenntnis gelangt, dass wir am Anfang eines Strukturwandels stecken. Was wir im Moment erleben ist nicht nur ein kleiner Knick in der Wachstumskurve, es sind die ersten Zeichen für einen strukturellen Wandel in der Wirtschaft und der Gesellschaft. Aus eben dieser Erkenntnis ist mein Lebensprojekt Zukunftsraum entstanden.  Es bewegt sich eigentlich zwischen zwei Welten. Mit einem Bein ist es in den bestehenden Strukturen verankert, mit dem zweiten Bein macht es erste Schritte in die Zukunft. Was die beiden Gliedmaßen zusammenhält ist das Wissen über die Wichtigkeit lokal verwurzelter, funktionierender und agierender Akteure, Strukturen und Gemeinschaften.

Blicken wir also in die Zukunft. Offiziell eröffnet wird das Jahr 2010 mit der Teilnahme am Wachstum im Wandel – Kongress im Jänner in Wien. Im Februar wird vernetzt. Gemeinsam mit  anderen Beratern wird an einem Beratungsleitbild zum Wandel gearbeitet. Das Thema des Wandels wird im März mit dem von mir durchgeführten Workshop “Welt im Wandel”  in Lienz weitergetragen. Im April steht  eine persönliche Horizonterweiterung am Plan: Ausbildung zum Transition Trainer. Bis Mai sollte die Produktion der Printprodukte (Erlebnisführer) für den Outdoorpark Oberdrautal abgeschlossen sein. Gemeinschaftlich wird in der ersten Jahreshälfte auch das Thema Flusswandern auf der Drau weiterentwickelt. Soweit die ersten Fixpunkte. Einige Projekte hängen noch in der Ideen-Konzept-Schleife in meinem Hirn. Wenn die Zeit dafür Reif ist, werden sie an die Öffentlichkeit gelangen.

2010 wird ein Jahr der Unsicherheit, so verkünden es die Medien und sie dürften Recht damit haben. Relative Sicherheit können wir nur haben wenn es globales robustes Wachstum gibt. Dann ist abzusehen was passieren wird. Doch dem Wachstumsprozess liegen immer mehr Hindernisse im Weg: Explodierende Staatsschulden, steigende Energiekosten, steigende Arbeitslosigkeit, steigende soziale Ungleichverteilung, die Weltklimakrise. Offiziell gibt es keine Alternative zum System des Wirtschaftswachstums, nur dieses erzeuge Stabilität. Dass dies aber nur die halbe Wahrheit ist, vermitteln uns sämtliche zuvor erwähnten krisenhaften Entwicklungen. Dass an gesellschaftlicher Stabilität auch abseits von Wirtschafswachstum gearbeitet werden kann, zeigen uns heute schon zahlreiche “Grass-Roots-Initiativen”. Diese Bewegungen “von unten” arbeiten praxisorientiert an der Zukunft. 2010 werde ich mich verstärkt dieser Initiativen annehmen und den Gedanken einer basisorientierten und selbstbestimmten Entwicklung stärker vorantreiben. Zukunftsraum möchte damit einen Schritt weiter gehen, Ideologien beiseite lassend, einen Schritt weiter in Richtung einer zukunftsfähigen Gesellschaft.

Was bringt 2010 für die Tourismusbranche

Wie wird die Zukunft in der Regel prognostiziert? Ganz einfach, man blickt zurück, identifiziert einen Trend und extrapoliert diese Entwicklung linear in die Zukunft. Das war`s? Naja, eigentlich nicht, denn diese einfache Methode funktioniert nur sehr eingeschränkt bei stabilen Rahmenbedingungen z.B. stabilem Wirtschaftswachstum. Dieses stabile Wirtschaftswachstum ist aber leider nicht mehr gegeben und es ist höchst fraglich wann und ob wir wieder ein stabiles, langanhaltendes Wachstum erleben werden. Doch eben dieses Wachstum ist für den Tourismus lebenswichtig. Wir sollten uns vor Augen führen, dass Tourismus und Reisen im Allgemeinen ein Wohlstandsphänomen ist. Tourismus lebt vom Überschuss den eine Gesellschaft produziert. Den Zusammenhang zwischen Wirtschaftsleistung und Nächtigungen auf globalem Niveau zeigen diese Zahlen:

  • Weltweites BIP 2009 – Prognose IMF: -1,4%
  • Weltweite Ankünfte 2009 – 1. Jahreshälfte UNWTO: – 8%

Auf das Jahr gerechnet dürfte die Anzahl der Nächtigungen nicht ganz so stark sinken. Ein stärkeres Minus als bei der Wirtschaftsleistung kann jedoch als gesichert angesehen werden. Wie sieht die Situation in Österreich aus? Die Nächtigungszahlen sind marginal rückläufig (~1%). Dabei profitierte Österreich durch eine besonders starke Inlandsnachfrage (+ 2%). Die Erwartungen, dass in der Krise verstärkt Nahziele gefragt sind, ist also eingetreten.

Die ÖW investierte 2009 massiv im Inland.

Die ÖW investierte 2009 massiv im Inland.

Und 2010? Die Entwicklung auf den Arbeitsmärkten steht für 2010 unter keinem guten Stern. Sogar bei einem Wirtschaftswachstum stehen steigende Arbeitslosenzahl ins Haus. Das Wirtschaftswachstum ist jedoch noch nicht ausgemacht. Dunkle Wolken ziehen am Himmel auf. Auf welch tönernen Beinen das Finanzsystem steht zeigt nicht zuletzt die Situation in Dubai, Griechenland und der Fall Hypo Alpe Adria. Das Finanzsystem ist extrem labil. Die systemischen Fehler im Finanzsystem sind noch nicht behoben. Um es uns einfach zu machen gehen wir jedoch von keinen massiven Verwerfungen in den nächsten 12 Monaten aus, dann sind die folgenden Entwicklungen zu erwarten:

  • Leicht negative bis stagnierende Nächtigungszahlen.
  • Sinkende Wertschöpfung je Nächtigung (bereits 2009 beobachtet)
  • Kürzere Aufenthaltsdauer
  • Nachfrage nach Nahzielen

Wenn wir die Wirtschaftskrise vorerst  hinter uns haben, kann man davon ausgehen, dass Österreich mit einem blauen Auge davon kommen wird. Doch sind die Probleme im Finanzsystem nicht gelöst, sondern nur zeitlich verschoben worden. Im Hintergrund wachsen die Probleme weiter an. Eine größere Bereinigung im Finanz- und Wirtschaftssystem steht noch an. Wann diese eintreten wird? Klar sollte  jedem sein, dass der Crash durch massive staatliche Stützung abgefangen wurde. Am System das die Verwerfungen hervorgebracht hat, hat sich aber nichts geändert.

Dass der Tourismus von Wirtschaftswachstum abhängig ist, sollte nicht überraschen. In Österreich ist die Verquickung zwischen Wirtschaftsleistung und Tourismus besonders stark, da der Tourismus ein wichtiger Faktor für das Wirtschaftswachstum ist. Wenn der Tourismus einbricht, hat das auch massive Folgen für die lokale kleinstrukturierte Wirtschaft. In wirtschaftlich guten Zeiten wirkt der Tourismus als Wirtschaftsturbo. Der Umkehrschluss ist offensichlich und zeigt wieder einmal wie abhänig wir vom Wachstum sind.

Transition Towns Workshop Bielefeld

Von Lienz nach Bielefeld ist es ein langer Weg. Doch wenn der erste deutschsprachige Towns in Transition (TT) Workshop stattfindet,  lockt der Ruf des Neuen.

Worum geht es bei TT? Ehrlich gesagt, so ganz war es mir  vor meiner Reise auch nicht klar. Kurz zusammengefasst: der Name ist Programm. Es geht um Wandel, es geht um Veränderung. Lokale Initiativen suchen nach lokalen Lösungen um die eigene Umwelt (Stadt, Dorf usw.) nachhaltiger zu gestalten. Vergleichbar sind TTs  mit den lokale Agenda 21 Prozessen in Österreich oder Deutschland. Dabei haben die Teilnehmer  bei TTs aber eine größere Vision im Blick, nämlich Teil eines Prozesses zu sein, der unser Gesellschafts- und Wirtschaftssystem positiv umgestaltet. In TTs wird daran gearbeitet, die Stadt oder das Dorf widerstandsfähiger und unabhängiger zu machen. TTs sind dem Prinzip von think global – act local verpflichtet.  In diesen Initiativen treffen sich Menschen die wissen, dass es Zeit ist zu handeln; im eigenen Interesse als auch im Sinne der Gesellschaft.

In 2 Tagen durfte ich den positiven Spirit in der Workshopgruppe erleben. Menschen die Ihren Kopf nicht in den Sand stecken, sondern die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen und im Rahmen ihrer Möglichkeiten zu handeln. Es handelt sich dabei um keine Flower Power Community, keine Edel-Kommunisten oder Tagträumer.  Es finden sich Personen aus allen gesellschaftlichen Bereichen ( Architekten, Regionalentwickler, Heilpraktiker, Handwerker, Künstler), die sich Gedanken um ihre/unsere  Zukunft machen.

Der Ausgang der TT-Initiative ist offen. Es gibt einen Anfang aber keine Ende. Der Weg entsteht im Gehen.

P.S.: Mehr über Transition Towns später – heute werden die Läden dicht gemacht!

Elmar Altvater in Innsbruck

Wer sich ernsthaft mit nachhaltiger Entwicklung beschäftigt und den  Begriff inhaltlich ausfüllen möchte, der weiß wie schwer es ist einem Zustand der Nachhaltigkeit in der Realität näher zu kommen.  Ich habe dies schon in mehreren Artikeln angesprochen.

In diesem Zusammenhang ist ein bemerkenswerter Vortrag von Prof. Elmar Altvater, den er vorgestern in Innsbruck gehalten hat, zu erwähnen. Kurz gefasst könnte man sagen: Huston wir haben ein Problem. Wir sind an den Grenzen des Wachstums angelangt und fast keiner merkt es. Wir schrauben an einem System im Glauben es zukunftsfähiger machen zu können. Wir glauben mit ein paar Finanzspritzen, Arbeitsmarktpaketen und ein klein wenig Mülltrennung können wir einfach so weiter machen. Nur nicht die Komfortzone verlassen.

Elmar Altvater hat in seinem Vortrag eindringlich auf die Fehler unseres Systems hin gewiesen. Die Krise die wir jetzt als Finanz- und Wirtschaftkrise wahrnehmen hat viel tiefere Ursachen als die meisten von uns glauben. Wir haben es mit einer Verschränkung von unterschiedlichen Krisen zu tun: Finanz, Wirtschaft, Energie, Klima, Soziales. Das “besondere” and dieser Situation ist der Umstand, dass sich all diese Krisen auf einem globalen Niveau abspielen. Dies ist in diesem Umfang eine Novität und macht die Situation auch so brisant. Elmar Altvater (sowie ein zunehmende Zahl an Wissenschaftlern und Wissenden) fordert eine Konzentration auf die lokalen Ressourcen und Potentiale. Er spricht von neuen (bzw. wiederzuentdeckenden) Eigentumsformen, von dezentraler Energieversorg und einer Wirtschaft ohne quantitativem Wachstum.

Der Vortrag und die nachfolgende Diskussion hat wieder gezeigt, dass sich ein struktureller Wandel ankündigt. Dieser wird seinen Ausdruck in allen gesellschaftlichen Bereichen finden. Die Geschwindigkeit des Wandels kann man schwer voraussagen, doch werden sich aufgrund der weiter oben angesprochenen Krisen und der damit verbundenen “Einschränkungen” starke Veränderungen in unserem gesellschaftlichen Umfeld ereignen, die besonders in einem Tourismusland wie Österreich stark zu spüren sein werden.