Wem wir Opfer darbringen!?

7. Juli 2010 Allgemein, Wirtschaft Kommentare deaktiviert

Soeben habe ich ein Interview mit Meinhard Migel aus dem Jahr 2009 gesehen. Zwei Punkte waren bemerkenswert. Er analysiert richtig, dass wir die gewohnten Wachstumsraten nicht wieder erreichen werden. Zumindest nicht, solange wir Wachstum als materielles Wachstum verstehen. Er kündigte Staatspleiten als wahrscheinlich an. Für das Jahr 2015 bzw. 2016. Ok, ging dann doch etwas schneller…schöne Grüße nach Griechenland.

Der Punkt der aber aus meiner Sicht viel interessanter ist: Er vergleicht die Kirche des Mittelalters mit ihrem Ablasshandel mit dem Kapitalismus.  Was früher im Namen und zum Nutzen der Kirche geopfert wurde, das bringen wir heute als Opfergabe dem Kapitalismus. Während früher die Kirche die Spielregeln definierte, setzt heute der Kapitalismus den Rahmen für individuelles Handeln. Wenn dem Leser der Kapitalismus so alternativenlos erscheint, so möge er sich fragen, wieso die einst so mächtige Kirche ihre Vormacht eingebüßt hat und ob das dem Kapitalismus nicht auch so widerfahren könnte?

Wem opfern wir?

Wem opfern wir?

Was war mit der Kirche geschehen? Ihr Heilsversprechen und ihre Logik begannen zu zerbröseln, als man erkannte, dass die Erde doch nicht im Zentrum stand.  Man begann das Wesen und die Autorität der Kirche zu hinterfragen. Heute stehen wir vor der Situation, dass das Versprechen des Kapitalismus sich als uneinlösbar zu zeigen beginnt. Mehr Freiheit und mehr Wohlstand für alle wird zu einem Wunschgedanken, den der Kapitalismus doch nicht erfüllen kann. Befreit von dem Drohgespenst des Kommunismus beginnt die Gesellschaft langsam zu erkennen, dass der Kapitalismus und der Fetisch Wachstum eventuell auch nicht der Weisheit letzter Schluss sind.

Meinhard Migel spricht von einem Neubeginn, von einer Gesellschaft ohne materiellem Wachstum. Er hebt hervor, dass Wachstum – wie wir es die letzten 200 Jahre erlebt haben – historisch gesehen einmalig ist. Wir konnten als Menschen auch ohne Wachstum existieren. Alles was wir dazu machen müssen ist die Spielregeln ändern. Die Spielregeln ändert, wer an der Macht ist….und das sind (leider) nicht die Politiker (unsere Vertreter). An den Schalthebeln der Macht stehen Konzerne und Banken. Dass die Politik in Geiselhaft der Wirtschaft steckt, zeigt nicht zuletzt die Finanzkrise. Keine einzige Regulierung der Märkte konnte umgesetzt werden. So laufen wir weiter mit unseren Opfergaben zum Altar…

Ich möchte mit diesen Zeilen nicht den Kapitalismus per se schlecht reden. Er hat uns dorthin gebracht wo wir jetzt sind. Mit allen guten und schlechten Seiten. Doch wenn sich zeigt, dass die Leistungsversprechen nicht eingelöst werden, beginnen die Menschen nachzudenken und abzuwägen. Die Macht des Kapitalismus beginnt zu bröckeln, wie einst die Macht der Kirche. Doch während die Kirche Kontrolle durch Ideologie ausübte, organisiert der Kapitalismus die Gesellschaft über Zahlungsbereitschaft. So tun als glaube man an die Kirche und ihre Lehren mag funktionieren, so tun als hätte man Geld ist schon etwas schwieriger. Genau an diesem Punkt scheitern meiner Meinung nach die meisten Alternativen zum Kapitalismus im Moment.

Der Kapitalismus in seiner aktuellen Konfiguration mit Wachstumsdrang und Wachstumszwang steht zur Disposition. Es kann meiner Meinung nach nicht sein, dass eine Gesellschaft nur funktionieren kann wenn sie immer mehr Ressourcen verbraucht und immer mehr konsumiert. Wie pervers die Situation mittlerweile ist zeigt der Blick in die Tageszeitung. Während auf der einen Seite zum Ressourcen Sparen und zum Klimaschutz aufgerufen wird, fordert man auf der folgenden Seite höhere Wachstumsraten und Maßnahmen, um den Konsum zu fördern.

So laufen wir weiter zu Altar und opfern, unsere Entwicklung als Menschen und vielleicht sogar unsere Zukunft!

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