Nicht Probleme lösen, Zukunftsmöglichkeiten schaffen

10. Januar 2011 Allgemein, Wissenslink 1 Kommentar

Die Blogparade zum Thema Innovation hat mich animiert und inspiriert, dem Thema Innovation intensiver nachzuspüren. Schon vor Weihnachten habe ich  ein paar Gedanken diesem Thema gewidmet. Meine kritische Reflexion brachte zu Tage, dass im Großen und Ganzen als Innovation nur das zu Tage treten kann was marktwirtschaftlichen Kriterien entspricht. Anders ausgedrückt es gibt übergeordnete Spielregeln, die festschreiben, was sich als Innovation durchsetzen kann und was nicht. Bis auf ein paar Zitate, habe ich versucht den damaligen Text “Es wird kommen – das Feuerwerk an Innovation” ohne spezifische Literaturrecherche zu formulieren und allgemeine Überlegungen zu verwenden.

Mit Weihnachten kam dann die Zeit der Muse (und der Besuchmarathons). Zeit um mich speziell einem Buch zu widmen, das ich schon länger auf meiner Liste hatte: Theorie U – von der Zukunft her Führen. Viel hatte ich schon gehört von dieser Theorie. Ich war gespannt, was es wohl bedeutet von der Zukunft her zu führen. Dass in diesem Zusammenhang Innovation ein Thema ist, liegt nahe. Ich will nun nicht die Theorie U wiedergeben, sondern “springende Punkte” der Theorie gemeinsam mit dem Thema Innovation aufgreifen. Innovation, verstanden als ein Prozess, der in der Lage ist Neues hervorzubringen. Neues nicht im Sinne von “more of the same”, sondern Neues im Sinne von zukunftsfähigen Lösungen, Abläufen und Produkten. Neues im Sinne einer Transformation, eines Wandels. Die Türen stehen offen für einen Ausflug in die Zukunft.

Otto Scharmer, Autor von Theorie U, sieht in der Qualität der Aufmerksamkeit den zentralen Steuerungsfaktor für die Zukunft, das Schlüsselkriterium für die Qualität von Innovation. Aufmerksamkeit, hä, Bahnhof? Ok, etwas genauer, etwas tiefer. Ich bitte den Leser einmal zu reflektieren, wo die Quelle für sein Handeln liegt? Die Antwort ist, dass diese Quelle von der Qualität der Aufmerksamkeit abhängt. Stehe ich (meine Organisation) im Zentrum der Aufmerksamkeit oder schaffe ich meine Aufmerksamkeit auf das große Ganze zu verlagern, mich von meinen Zwängen, Fixierungen und Bildern zu lösen und das Ganze aus mehreren Gesichtspunkten zu betrachten, mich als Teil des Ganzen zu begreifen.

Innovation die zur Entwicklung einer zukunftsfähigen Gesellschaft beitragen kann, braucht also als “erste Bedingung” diese Verschiebung des Fokuses der Aufmerksamkeit zum Großen Ganzen. Wieso das große Granze? Ganz praktisch an einem Beispiel erklärt: Was beschränkt heutzutage den Erfolg des globalen Fischfangs? Die Kapazität der Fischereiflotten, oder die biologische Reproduktionsfähigkeit des Fischbestandes? Wie war der Sachverhalt wohl vor 200 Jahren gelagert!? Waren wir damals auch schon in der Lage die Meere leer zu fischen?! Ich hoffe aus diesem Beispiel geht klar hervor wieso wir uns heute auf  das große Ganze konzentrieren müssen.

Kommen wir zur “2. Bedingung”, zum 2. Schritt. Es geht um die Fähigkeit die Zukunft zu erspüren. Die Lösung des Problems nicht aus der Problemanalyse – aus der Vergangenheit -  herzuleiten, sondern aus der Perspektive der höchsten Zukunftsmöglichkeit für das Ganze.  Nicht in alten Mustern hängen zu bleiben, nicht Zwänge vorzuschieben, sondern die Frage zu stellen, wer wir eigentlich sein möchten. Denn es geht nicht nur um das Problemlösen.  Bei zukunftsfähiger Innovation geht es um Transformation. Dieser Gedanke mag nicht ganz einfach nachvollziehbar sein, da er unseren herkömmlichen Denkmustern widerspricht. Aber genau daraum geht es auch, alte Gewohnheiten abzustreifen und “visionär” zu sein, die Aufmerksamkeit vom  Müssen zum Wollen und Können zu verlagern.  Weltenretten im Sinne von wir müssen was tun hat seine Berechtigung, Zugkraft in die Zukunft entwickelt aber die Frage nach dem Wollen. Wie wollen wir arbeiten, leben….

Die “3. Bedinung” klopft schon an. Michael Ray von der Stanford Business School antwortet auf die Frage was Kreativität fördert mit folgenden Fragestellungen: Wer bin ich? Was will ich wirklich tun? Meist handeln wir aus der Perspektive des gewordenen Selbst, das bedeutet mit all den Prägungen die uns im Laufe des Lebens wiederfahren sind. Die Kunst liegt nun darin den Blick in die Zukunft zu richten: Was will ich wirklich tun? Was lässt mein Herz jubeln? Ich bin mein wichtigstes Werkzeug.

Blogparade Innovation

Zukunftsfähige Innovation und Entwicklung, braucht  Öffnung. Diese Öffnung im Sinne einer persönlichen Entwicklung, eines Entdeckens des authentischen Ichs hat Feinde, die es zu überwinden gilt.

  • Feind 1: Die Stimme des Urteilens: Sie hindert uns am intellektuellen Denken. Vorurteile und bestehende Muster beschränken den Intellekt.
  • Feind 2: Die Stimme des Zynismus: Sie verhindert Anteilnahme und “Herzdenken”. Sie distanziert uns von der Realität, sie distanziert uns vom Mitfühlen mit anderen Menschen.
  • Feind 3: Die Stimme der Angst: Angst vor dem Umbekannten, Angst vor dem Scheitern.

Zukunftsfähige Innovation entsteht, wenn Personen tun was ihr Herz jubeln lässt und die Herausforderungen unserer Zeit vom Standpunkt des größten Zukunftspotentials des Ganzen her betrachten. Was einerseits sehr einfach sein kann, bedarf aber einer grundlegenden Änderung unseres Denkens. Otto Scharmer verwendet knapp 500 Seiten, um diesen Prozess zu beschreiben. Ein Eintauchen und eine nähere  Befassung mit dem Werk lohnt sich.

Zurück in die Gegenwarte. Sind alle Feinde überwunden und Ideen entwickelt, bleibt noch die Frage nach dem Weg in die Praxis. Spätestens hier sollte klar sein, dass  ein Thor ist, wer bei sich und seiner Kompetenz stehen bleibt.  In einer komplexen von Abhängigkeiten geprägten Welt bedarf es einer Zusammenschau. Zukunftsfähige Innovation braucht institutionenübergreifendes  und akteurübergreifendes Denken und Handeln, braucht die Schaffung eines Mikrokosmos als Landebahn für die entstehende Zukunft. Otto Scharmer empfielt daher folgende Akteure bei der Protypenentwicklung miteinzubinden: Allgemeine Verantwortungsträger (Führung), Verantwortungsträger vor Ort, Akteure im System ohne direktes Mitspracherecht (z.B. Bürger), Akteure von außerhalb (kreative Outsider), engagierte Aktivisten (treiben die Umsetzung mit Herz).

Ob Einzelperson, Unternehmen oder Gemeinde, schlussendlich geht es darum, die Fixierung auf das ICH auf zulösen und den Blickwinkel auf das große Ganze auszudehnen. (Selbst)Führung bedeutet im Entstehen begriffene Zukunftsmöglichkeiten zu erspüren und dann in die Realisierung zu bringen. Führung wird somit tiefgründiger, Inspiration wird zum zentralen Bestandteil “guter” Führung.

Last but not least der wichtige Hinweis von David Kelley (Gründer der Firma IDEO): Scheiter häufig und frühzeitig, um schneller und besser erfolgreich zu sein.

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