Gemeinwohlbilanz 2011 – ein zukunftsweisender Ansatz?

5. Oktober 2011 Best practice, Wirtschaft Kommentare deaktiviert

Versuch einer kritischen Würdigung

Das aktuelle Wirtschafts- und Finanzsystem ist in dieser Art und Weise nicht zukunftsfähig. Die Brüche in der globalen Gesellschaft und der Wirtschaft treten immer deutlicher zu Tage. Wer will und hin sieht, der kann es sehen. Michael Laimer, Landesrat für Raumordnung, Umwelt, Natur und Landschaft in Südtirol, formulierte es bei den Toblacher Gesprächen anders, aber auch treffend:

“Wer nichts weiß, muss alles glauben.”

Ein Paradigma (Wachstum) geht zu Ende. Wie von Thomas Kuhn in der Struktur der Wissenschaftlichen Revolution beschrieben, folgt am Ende eines Paradigmas, Unsicherheit, Diskussion und Ideenvielfalt. Wie in meinem letzten Blogartikel schon erwähnt, nimmt diese Diskussion im Moment Fahrt auf.

Ein Element das sich recht prominent in die Diskussion drängt ist die Gemeinwohlökonomie, angedacht von Christian Felber, weiterentwickelt von einem Unternehmergremium.

Kurz und knapp formuliert die Idee der GWÖ: Es gibt weiterhin eine Marktwirtschaft, die aber nicht Profitmaximierung zum Ziel hat, sondern eine Maximierung des Beitrags zum Gemeinwohl (Details unter http://www.gemeinwohl-oekonomie.org/). Zu diesem Zweck führt jedes Unternehmen eine Gemeinwohlbilanz und bekommt Punkte. Langfristig sollen die steuerlichen Rahmenbedingungen für gemeinwohlorientierte Unternehmen verbessert werden und in Kombination mit einer Demokratischen Bank diese Unternehmen bei der Kreditvergabe bevorzugt werden.

Mit dem heutigen Tag werden die ersten Gemeinwohl-Bilanzen veröffentlicht. Nachfolgend ein paar Gedanken und Erfahrungen, die ich persönlich während der Befassung mit meiner Bilanz bzw. dem Thema GWÖ gemacht habe. Ganz persönlich habe ich aus einem inneren Bedürfnis die Gemeinwohlbilanz erstellt. Die Bücher und Vorträge von Christian Felber sprechen Menschen (und damit auch mich) einfach an, weil etwas im Menschen berührt wird, was in der Anlage der heutigen Wirtschaft fehlt.Christian Felber baut die GWÖ nämlich auf den zutiefst menschlichen (und biologischen) Werten der Kooperation, Empathie und Vertrauen auf.

Die GWÖ tut sich natürlich schwer – gerade  Pioniere die eine Bilanz erstellen – da die Akteure noch unter den Regeln und Anreizsystemen der herkömmlichen Wirtschaft agieren müssen. Für mich ist die GWÖ mit der Bilanzerstellung ein Versuch eines Übergangs in ein neues Wirtschaftssystem, dessen Ausprägung uns heute noch nicht ganz klar ist. Der Versuch einer Systemumstellung ohne Systembruch.

Kritiker bemängeln, dass die GWÖ unter anderem die Herausforderung „Wachstumszwang“ nicht adressiere. Das mag durchaus stimmen. Es wird wahrscheinlich auch zutreffen, dass das Konzept der GWÖ einige Schwächen hat. Die GWÖ alleine als das Heilmittel für die Probleme und Herausforderungen unserer Zeit zu verstehen, wäre meiner Meinung nach nicht sinnvoll. Diesen Anspruch sollte die Bewegung der Gemeinwohlökonomie sich auch nicht auf die Fahnen heften (lassen).

Zurück zur ganz persönlichen Erfahrung: Für mich brachte die Bilanzerstellung einen interessanten Denkprozess mit sich. Wieweit kann ich gehen, wie transparent kann und will ich werden? Alle technischen und finanziellen Informationen offen legen? Und ganz ehrlich, wenn ich dann 324 von 1000 Punkten habe und anderer Akteure das Doppelte, dann steigt das Konkurrenzgefühl schon wieder auf.

“Die GWÖ in einem Konkurrenzsystem, ein gewagter Balanceakt.”

Resumee & Empfehlung für Unternehmer

Ein paar Empfehlungen, bei denen ich Sie auch gerne unterstütze:

Punkt 1: Erkennen Sie die Gefahren des aktuellen Systems

Punkt 2: Befassen Sie sich damit, ihr Unternehmen zukunftsfähig aufzustellen.

Punkt 3: Zukunftsfähigkeit hat viel mit den traditionellen Themen der Nachhaltigkeit zu tun. Ich würde den Begriff Nachhaltigkeit noch mit Innovation und Flexibilität ergänzen.

Punkt 4: Achten Sie auf ihr Umfeld, ihr Unternehmen existiert nicht losgelöst davon.

Die Gemeinwohlökonomie kann Sie in Teilen auf diesem Weg begleiten und unterstützen. Vor allem bietet sie aber auch ein Netzwerk an Denkern und aufgeschlossenen Unternehmern. Welchen Beitrag sie für die Zukunftsfähigkeit des Landes beitragen kann, wird sich herausstellen. Ich werde die Bilanz nächstes Jahr auf alle Fälle wieder erstellen, weniger um meine Umwelt zu beeindrucken, vielmehr für mich, um über die persönliche Firmenentwicklung zu reflektieren.

 

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