Take aways von den Toblacher Gesprächen 2011

3. Oktober 2011 Veranstaltungen, Vision & Bewusstsein 1 Kommentar

Bereits zum 22. Mal fanden am 1. und 2.10.2011 die Toblacher Gespräche im gleichnamigen Ort statt. Rund 200 Teilnehmer fühlten sich vom Thema “Wohlstand ohne Wachstum“ inspiriert und machten sich auf den Weg nach Südtirol. Nachstehend meine Zusammenfassung der 2 sehr interessanten Tage.

Die Analyse im Kontext von Klimawandel, Ressourcenknappheit, Migration, Lebensmittelpreisexplosion, Ungleichverteilung und atomaren Unfällen, erspare ich euch.Interessant vielleicht nur folgende Zahlen, die Irmi Seidl präsentierte und die einen Blick auf die langjährigen Wachstumsraten ermöglichen:

Die hohen Wachstumsraten der Nachkriegszeit (~10%) sind kontinuierlich rückläufig. Für die Dekade 2000 bis 2010 liegt das jährliche Wachstum in den hoch entwickelten Staaten zwischen 0 und 2%. Für die folgende Dekade prognostiziert die EU-Kommission ein jährliches Wachstum von 1,25% im Euro-Raum. Dazu passend die Grafik von http://www.factcheck-deutschland.de/:


Nun zu Lösungsansätzen:

* Giuseppe De Marzo beschreibt die Unfähigkeit der Politik: Es gibt nur ein einziges Denkmodell (Wachstum) das von allen Parteien verfolgt wird. Es wird die Probleme aber nicht mehr lösen können.

* Es steht fest, dass wir heute am Beginn einer neuen historischen Epoche stehen, deren Umrisse völlig offen sind. (Giuseppe De Marzo)

* Es entsteht ein Perspektivenvakuum. Neue soziale Bewegungen füllen dieses Vakuum.

* Neue soziale Bewegungen probieren Neues jenseits von Wachstum, Tausch und Wettbewerb aus → Halbinseln gegen den Strom. Räume in denen ein Stück weit neue Wirklichkeit erschaffen wird, wo Erfahrungen gemacht werden. Denn nur Erfahrungsräume in denen wir uns anders verhalten bzw. die uns verändern erzeugen auch das Potenzial Strukturen verändern zu können.

* Wichtig ist in diesem Zusammenhang zu verstehen, dass Eigentum etwas historisch relativ Neues ist. Dieses Eigentum ist jedoch die Basis für die Marktwirtschaft. Wenn Stefano Bartolini Recht hat, dann fördern Marktbeziehungen jedoch den Materialismus. Materialismus beschreibt er als eine Kompensation für fehlende soziale Beziehungen.

Als Lösung postuliert Friederike Habermann eine Abkehr von der klassichen Marktwirtschaft und die Orientierung hin zur „commons-based peer production“, mit folgenden Prinzipien:

Besitz statt Eigentum

Teile was du kannst

Beitragen statt Tauschen

* Friederike Habermann erklärt aber auch: Wie eine davon („commons-based peer production“) inspirierte Gesellschaft im Detail aussehen kann, können wir uns in unserem heutigen Sein nicht vorstellen.

Persönliche Ergänzung:

Thomas Kuhn beschreibt in seinem Buch die Struktur der Wissenschaftlichen Revolution, dass ein Paradigmenwandel zunächst die längste Zeit verweigert wird, da mit dem Wegfall des alten Paradigmas (z.B.: Wachstum) die Grundlage für sämtliche Strukturen und Prozesse wegfällt. Was folgt ist ein „Wettbewerb“ der Ideen, bis sich langsam ein neues Paradigma durchsetzt.

Das wäre „halb so wild“, wenn nicht der aktuelle Paradigmenwechsel alle Teile unseres Lebens beeinflussen würde. Karl Ludwig Schibel sprach in diesem Zusammenhang von der 3. großen Transformation nach der Sesshaftwerdung des Menschen und der industriellen Revolution. Der Unterschied liegt nun aber darin, dass wir diesmal eine bewusste Evolution durchführen müssen, bei der  die bewusste Problemwahrnehmung (die Einsicht) an erster Stelle steht.

Der Wettbewerb der Ideen nimmt schön langsam fahrt auf. Die „commons-based peer production“ ist ein – eventuell gar nicht so schlechtes – Element dieser Diskussion. Andere Ideen sind ebenfalls im Gespräch, weitere werden folgen. Ich denke (und hoffe), dass sich diese Elemente durchsetzen werden, die den menschlichen Grundbedürfnissen Zugehörigkeit, Achtsamkeit und Ordnung am besten entsprechen.

Mittel- und langfristig mache ich mir keine Sorgen, denn wir haben (fast) alles was wir für eine zukunftsfähige Gesellschaft brauchen. Woran es uns jedoch fehlt ist das “richtige” Bewusstsein. Das kann man niemanden verordnen. Es  kann sich nur entwickeln, durch Krisen oder durch inspirierende Unternehmer, private Vorbildwirkung und eine Politik, die bereit ist, das alte Paradigma los zu lassen.

Partizipation wird ein Schlüssel in dieser Transformation sein. Es klingt philosophisch, aber meiner Meinung nach geht es wirklich darum, dass wir unsere positiven Eigenarten und Qualitäten als Menschen erkennen und leben. Losgelöst von den Kräften der aktuellen Strukturen, die uns glauben machen wollen, wir seien Nutzen maximierende Wesen, die ohne Konkurrenzdruck faul in der Wiese liegen.

In diesem Sinne an alle unternehmerisch denkenden Menschen: Alles was erdacht werden kann, kann auch getan werden!

 

 

Kommentare

  1. Ein kleiner Nachtrag: Die abschließenden Thesen von Prof. Günter Altner http://www.toblacher-gespraeche.it/images/stories/Vortrge2011/Resume_2011.pdf

    Geschrieben am 5. Oktober 2011 um 15:56 Uhr •

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