Tintentot für den „blinden Fleck“

18. April 2012 Allgemein Kommentare deaktiviert

Unlängst stieß ich wieder auf einen aus meinem Wortschatz schon lange entschwundenen Begriff, den Tintentot. Die „augenscheinliche“ Bedeutung des Wortes, die sich aus der Zusammensetzung von „Tinte“ und „tot“ ergibt, war mir eigentlich nie richtig bewusst. Das tut an dieser Stelle auch eigentlich nichts zur Sache, fest steht, dass mit dem Tintentot, Tintenflecken beseitigt werden. In diesem Artikel geht es natürlich nicht um Tinte, sondern um den Fleck der eigentlich gar nicht da ist, der „blinde Fleck“. Wie können wir mit diesem Fleck umgehen?

Der blinde Fleck entsteht aus Glaubenssätzen, aus Erwartungen. Wir glauben an gewisse Dinge, halten sie für wahr. Daraus entstehen Erwartungen an unsere Umwelt. Wir erwarten, wie jemand reagieren wird, was geschehen wird. Genau diese Erwartungen machen uns das Leben einfacher. Eigentlich ein Segen.

Unsere Erwartungen mögen sich zum überwiegenden Teil erfüllen, doch ereignen sich Tag täglich Dinge, die wir so nicht erwartete haben. Erwartungen erzeugen nämlich auch blinde Flecken, Bereiche, wo wir aufgrund unserer Erwartung nicht hin sehen können. Ein extremes Beispiel dafür mögen die amerikanischen Ureinwohner gewesen sein, welche die Schiffe von Kolumbus angeblich erst wahrnahmen, als die Soldaten schon beim Anlanden waren. Was es in ihrer Erfahrungswelt nicht gab, das konnten sie scheinbar auch nicht wahrnehmen.

Zurück in die 2010er Jahre. Das Problem mit den blinden Flecken ist, dass sie häufig kleinere Diskrepanzen verschleiern, die immer größer werden und sich zu großen Prüfungen mit lähmenden Folgen auswachsen können. Dies trifft auf die amerikanischen Ureinwohner genau so zu, wie auf die kollektive Nicht-Wahrnehmung unserer Finanzsystemkrise.
Wassertropfen

Auf der Suche nach dem „Tintentot“ für blinde Flecken, wird man beim Begriff der Achtsamkeit fündig. Das Bewusstsein für feine Unterschiede zu schärfen (= achtsam zu sein), ist der Schlüssel zum Erfolg. Denn, was passiert wenn wir nicht achtsam sind? Wie schon erwähnt, Erwartung lenken unsere Aufmerksamkeit auf bestimmte Merkmale von Ereignissen. Das bedeutet, dass sie beeinflussen was wir wahrnehmen, worüber wir nachdenken. Außerdem suchen wir aktiv nach Beweisen, die unsere Erwartungen bestätigen, und meiden Beweise, die unsere Annahmen widerlegen. Es kommt noch „schlimmer“. Je stärker wir unter Druck stehen, desto wahrscheinlicher wird es, dass wir intensiv nach bestätigenden Informationen suchen und alle Daten, die nicht zu unseren Erwartungen passen, ignorieren. Wir werden blind für die Realität.

Wer achtsam ist, nimmt die feinen Unterschiede wahr. Das gelingt nur wenn man nicht abgelenkt ist und mit Ruhe und in Kenntnis seiner Erwartungen Situationen und Dinge betrachten kann. Ist man abgelenkt, unter Stress und sich seiner  Erwartungen nicht bewusst, tritt meist die Situation ein, dass man Ereignisse assoziativ wahrnimmt. Das bedeutet, dass man den Augenblick (die Situation) anhand weniger Merkmale mit bereits bekannten Erfahrungen abgleicht und in abstrakte Schubladen und Kategorien einordnet. Dadurch geht die Wahrnehmung für die kleinen Unterschiede verloren. Dazu ein Beispiel: Schlechte volkswirtschaftliche Daten, können bei fehlender Achtsamkeit schnell als gewöhnliche konjunkturelle Schwankung abgetan werden. Vielfach im Mainstream im Jahr 2008 geschehen. Nur wenige hinterfragten bzw. hinterfragen, was eigentlich wirklich los ist.

Bei Achtsamkeit geht es um die Qualität der Aufmerksamkeit, diese zu steigern bedeutet,

  • zu entschleunigen,
  • Dinge ganzheitlich und im gegenwärtigen Augenblick (im Hier und Jetzt) zu betrachten,
  • unsere eigenen Erwartungen zu kennen, zu überprüfen, zu überarbeiten.

Gelingt es uns nicht achtsam zu sein, geschieht folgendes: „Wie von einer unsichtbaren Hand werden wir von unseren Erwartungen zu angenehmen Wahrnehmungen hingeführt, die uns in unseren Ahnungen bestätigen und von allen beunruhigenden Hinweisen ablenken, die etwas anderes besagen könnten.“

Buchtipp: Das Unerwartete Managen | Weick, Sutcliffe 2001

 

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