Rezension: Die Post-Kollaps-Gesellschaft

1. Oktober 2012 Allgemein, Vision & Bewusstsein Kommentare deaktiviert

Bei Recherchen im Internet bin ich auf das Buch „Die Post-Kollaps-Gesellschaft“ von Johannes Heimrath gestoßen. Zugegeben, der Titel erzeugte in mir eine gewisse Ambivalenz. Irgendwie zog mich der Titel an, irgendwie stieß er mich aber auch ab. Kollaps, das tönt so negativ. Veränderung, ja bitte, aber muss es denn gleich ein Kollaps sein durch den sich die Veränderung ausdrückt, geht es nicht anders? Da mir der Verfasser bereits von der Zeitschrift OYA bekannt war, griff ich trotz, oder gerade wegen der Ambivalenz zu.

Zum Inhalt: Für Heimrath steht es fest, wir sind dem Kollaps geweiht. Es gibt kein sanftes Entrinnen, kein Pflaster, das wir auf unsere sozialen, ökologischen und ökonomischen Wunden kleben können und alles wird gut. Mit gut dosierten Zahlen und Fakten und ein paar theoretischen (systemischen) Grundlagen bereitet er den Boden für seine Kollapsüberzeugung auf. We are doomed, und zwar richtig. Die ersten 140 Seiten des Buches lassen das Unbehagen des Lesers immer stärker anwachsen. Die 2 von ihm beschriebenen möglichen Post-Kollaps „Negativ-Szenarien“ bilden den Höhepunkt des Schauderns. Im zweiten Buchteil steigt man langsam wieder aus dem Keller der Niedergeschlagenheit, welche der erste Teil provoziert hat, heraus. Aber nur langsam. Denn so griffig und bildhaft wie Heimrath die Negativ-Szenarien beschreibt, fällt die Beschreibung des positiven Szenarios nicht aus. „Seine“ positive Vision der Commonie bleibt vage und in vielen Dimensionen offen. Er skizziert mit Hilfe von grundlegenden Prinzipien und mit Hilfe von Beispielen aus seinem 40-jährigem Leben in Gemeinschaften.

Bunte und wertschätzende Anmerkungen: Das Buch ist so gut gefüllt mit Zahlen, Fakten und Gedanken, dass es schwer fällt, die „richtigen“ Punkte für die Besprechung des Buches herauszugreifen. Ich nehme daher einfach ein paar Gedanken auf, ohne Anspruch darauf, dass die wichtigsten Aussagen des Buchs dabei sind.

Heimrath öffnet mit seinem wertvollen Buch einen für Viele wahrscheinlich neuen Denkraum. Er stellt die Frage nach dem „guten Leben“, nachdem was sein könnte, wenn wir aus dem zerstörerischen Alptraum unserer Ersten Welt geweckt werden. Auch wenn man mit der grundlegenden Aussage des Kollaps nicht übereinstimmen will, so reißt es den Leser aus seiner eingelullten Technikgläubigkeit, „Europa-Zentriertheit“ und Selbstzufriedenheit heraus.

Befremdend mag wirken, dass der Autor alle Initiativen zur Rettung der Welt als unter dem Strich wirkungslos für eine geordneten Wandel ansieht. Muss er auch, denn wer vom Kollaps ausgeht, für den sind Social Entrepreneurship und Green Tech, sowie ATTAC und Transition Towns nur Pflaster auf einem Krebsgeschwür – zur Heilung ungeeignet. Wenn ich Herrn Heimrath richtig verstanden habe geht es ihm jedoch nicht darum, all diese „Bewegungen“ schlecht zu reden, sondern ihre Wirkung auf einen geordneten Wandel in Frage zu stellen. Er meint: „Das System kann von innen heraus nicht zulassen, dass wir es abschalten.“ Es ist zu vernetzt, verschachtelt, komplex als das ein harmonischer Systemwechsel möglich sei. Wir brauchen eine Quantensprung. Die Energie, welche dafür von Nöten ist, kann nur ein Zusammenbruch bereit stellen.

Heimrath greift in seinem positiven Szenario das Thema persönliches Eigentum bzw. den freiwilligen Verzicht darauf auf. Dies dürfte bei vielen Lesern einen klassischen Kommunismus-Reflex auslösen. Ich kann nur jeden dazu einladen, aus der konstruierten Dualität von Kommunismus und Kapitalismus auszusteigen und sich für 3. und 4. Wege zu öffnen. Denn wir werden nicht mit alten Methoden und altem Denken neuartige Strukturen aufbauen können.

Nach vielen „hochfliegenden“ Gedanken landet Heimrath gegen Ende seines Buches wieder am Boden der Realität: „Bleiben wir realistisch. Unsere gute Geschichte ist für die weitaus meisten nicht einmal Utopie, sondern schlicht „Spinnerei“, freundlicher gesagt, Illusion. Die Sache ist umso schlimmer, als wir einen guten Ausgang aus der Krise ja keinesfalls in Aussicht stellen dürfen. Zu gering sind die Chancen, dass unsere Modelle des guten Lebens sich flächendeckend, gar weltweit ausbreiten und man würde uns zu Recht Euphemisten, Schönredner, schelten, wenn wir so täten, als sei die neue große Geschichte eine, die schon kurz vor dem Horizont heraufdämmerte. Man bleibt lieber bei dem was man kennt auch wenn es schmerzt.“

Das Buch wendet sich laut Autor nicht an ein Zielpublikum und es ist kein 10 Punkte Programm für das Leben nach einem möglichen Kollaps. Im Buch die Post-Kollaps-Gesellschaft stellt Johannes Heimrath schlicht Fragen, zu denen es ihn drängt. Und gerade das macht das Buch wahrscheinlich so spannend und faszinierend. Es ist nicht bequem und romantisierend, ganz im Gegenteil, es mag verstören, oder wachrütteln. Es will nicht überzeugen oder Prognosen erstellen, es will Fragen stellen. Es ist kein Buch das man liest, dann einfach zurück ins Regal stellt und zum Alltag übergeht. Es ist das Buch eines praktizierenden mitfühlenden Vordenkers.

Aus dem letzten Kapitel: Der Wind weht wo er will. Wir hören ihn zwar, aber wir können nicht sagen, woher er kommt und wohin er geht. Der Wind ist der Geist der Zeit. Wir kreieren ihn alle gemeinsam, gemeinsam als Menschen und gemeinsam mit der mehr-als-menschlichen Welt. Es ist der Wind des Wandels, und er riecht nach Sturm. Und keiner kann voraussagen, was wann wie geschehen wird. Nur dass er kommen wird, scheint gewiss. Richten wir uns also darauf ein, dass wir eine Zeit lang nicht wissen, was richtig ist zu tun. Und richten wir uns darauf ein, dass unser Weltdorf danach mit Sicherheit ganz andres aussehen wird, als wir es jetzt kennen.

Es bleibt die Ambivalenz zwischen dem Leben im Moment – dem Genuss des guten Lebens in der ersten Welt – und dem Traum von einem zukünftigen schönen Leben für alle.

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