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Zeit für einen “Blog-Wandel”
Der Großteil der Blogbeiträge hat sich bis dato mit Hinweisen auf Problemsituationen unserer Gesellschaft bzw. unserer Wirtschaft bezogen. Ich glaube, dass der interessierte Leser auf diesem Blog schon oft genug den warnenden Zeigefinger gesehen hat. Schön langsam erreicht der Mehrwert der Blogeinträge einen vorläufigen Höhepunkt.
Zeit also, um sich weiter zu entwickeln. Künftig wird in diesem Blog weniger von Problem zu lesen sein, sondern von Ansätzen, Ideen, Strategien wie Wandel zu organisieren und zu gestalten ist. Nachdem – zumindest ich für mich – nach 4 Jahren der Problemanalyse ein recht klares Bild unserer Situation vor mir habe, gilt es einen Schritt weiter zu gehen.
Lösungen anzubieten muss die Aufgabe eines Unternehmens, das sich Zukunftsraum nennt, sein. Lösungen für globale Probleme (Klimawandel, Ressourcenknappheit, Finanzkrise, soziale Krise…) anzubieten klingt vermessen – zumindest in unserem bisherigen Verständnis. Denn als Lösung wird zumeist eine Maßnahme (oder ein Maßnahmenbündel) verstanden, nach deren Umsetzung man weiter machen kann wie bisher. Diese herkömmliche Lösung wird meistens in Form von Effizienzsteigerung und/oder Wachstum gesehen. Diese Art der Lösung wird es für die aufkommenden Herausforderungen nicht geben. Es ist absehbar, dass diese traditionellen Lösungen nur kurzfristig “Erleichterung” liefern. Probleme werden nicht gelöst, sondern zeitlich verschoben. Herkömmliche Lösungsmuster legen meist schon den Samen für weitere Probleme.
Lösung ist heute meiner Meinung nach als Prozess und im Kontext von Wandel hin zu etwas Neuem zu verstehen. Allgemein formuliert, gilt es folgendes Problem zu lösen: Umgang von Firmen und Gemeinden mit dem Thema der Pfadabhängigkeit. Oder anders formuliert – wie können Firmen und Gemeinden zu neuen Organisationsmustern und -logiken finden, die sie von übergeordneten Entwicklungspfaden (z.B.: Wachstumszwang, teure Ressourcen, Finanzkrisen usw.) unabhängig(er) machen.
Zwischen Optimismus und tiefer Sorge
Mag es an der Fußball-WM gelegen haben, oder an dem herranrückenden “Sommerloch”!? Griechenland, Spanien & Co sind finanztechnisch aus den Medien fast verschwunden. Der IMF (International Monetary Fund) hat die Wachstumsprognose für die Weltwirtschaft nach oben geschraubt (von 4,25% auf 4,5%). Krise vergessen? Jetzt einmal Urlaub?
Hinter den Kulissen gärt es jedoch zwischen Klimawandel, Ressourcenknappheit und Finanzkrise noch immer gewaltig. Im neuen wissenschaftlichen Hintergrundpapier zur Ökosozialen Marktwirtschaft – verfasst vom ökosozialen Forum, SERI und WIFO – kann man dazu folgendes lesen:
Die gegenwärtige wirtschafts- und gesellschaftspolitische Situation ist sehr ernst und wird bis
heute öffentlich kaum angemessen diskutiert.
Das bekannte World Watch Institute formuliert eindringlich was notwendig ist bzw. wäre:
Es erfordert nichts Geringeres als eine umfassende Umwälzung der herrschenden kulturellen Muster, wenn man den Zusammenbruch der menschlichen Zivilisation verhindern will. Diese notwendige Umwälzung würde den ‘Konsumismus’ – das kulturelle Leitbild, das Menschen Sinn, Zufriedenheit und gesellschaftliche Akzeptanz in dem suchen lässt, was sie konsumieren – ausmustern und zu einem Tabu erklären und an seine Stelle ein neues kulturelles Rahmenwerk setzen, dessen Kern ‘Nachhaltigkeit’ wäre.
Der Universitätsclub Klagenfurt lädt unter diesem Kontext zum “Forum Kulturelle Nachhaltigkeit”. Ausgewählte Experten und “Wandelengagierte” beraten 3 Tage über die Zielrichtung und notwendige Schritte im Wandlungsprozess. Mich freut, an diesem Forum teilnehmen zu dürfen!
Und damit sich – wie in jeder guten Geschichte – der Kreis schließt, ein paar aktuelle Worte von Fredmund Malik:
Wenn ich nun meine bisherige Lagebeurteilung mit den Ereignissen bis heute vergleiche, so erscheint es mir als gesichert oder hochwahrscheinlich, dass der 3. Akt der Krise einen ähnlichen Verlauf nehmen wird, wie die Zeit von April 1930 bis 1932. Das wird den Dow Jones Index zuerst in die Gegend von 3000 Punkten fallen lassen, dann wahrscheinlich sogar unter 1000.
Und Herr Malik ist nicht der einzige, der vor dramatischen Verwerfungen warnt.
Wem wir Opfer darbringen!?
Soeben habe ich ein Interview mit Meinhard Migel aus dem Jahr 2009 gesehen. Zwei Punkte waren bemerkenswert. Er analysiert richtig, dass wir die gewohnten Wachstumsraten nicht wieder erreichen werden. Zumindest nicht, solange wir Wachstum als materielles Wachstum verstehen. Er kündigte Staatspleiten als wahrscheinlich an. Für das Jahr 2015 bzw. 2016. Ok, ging dann doch etwas schneller…schöne Grüße nach Griechenland.
Der Punkt der aber aus meiner Sicht viel interessanter ist: Er vergleicht die Kirche des Mittelalters mit ihrem Ablasshandel mit dem Kapitalismus. Was früher im Namen und zum Nutzen der Kirche geopfert wurde, das bringen wir heute als Opfergabe dem Kapitalismus. Während früher die Kirche die Spielregeln definierte, setzt heute der Kapitalismus den Rahmen für individuelles Handeln. Wenn dem Leser der Kapitalismus so alternativenlos erscheint, so möge er sich fragen, wieso die einst so mächtige Kirche ihre Vormacht eingebüßt hat und ob das dem Kapitalismus nicht auch so widerfahren könnte?

Wem opfern wir?
Was war mit der Kirche geschehen? Ihr Heilsversprechen und ihre Logik begannen zu zerbröseln, als man erkannte, dass die Erde doch nicht im Zentrum stand. Man begann das Wesen und die Autorität der Kirche zu hinterfragen. Heute stehen wir vor der Situation, dass das Versprechen des Kapitalismus sich als uneinlösbar zu zeigen beginnt. Mehr Freiheit und mehr Wohlstand für alle wird zu einem Wunschgedanken, den der Kapitalismus doch nicht erfüllen kann. Befreit von dem Drohgespenst des Kommunismus beginnt die Gesellschaft langsam zu erkennen, dass der Kapitalismus und der Fetisch Wachstum eventuell auch nicht der Weisheit letzter Schluss sind.
Meinhard Migel spricht von einem Neubeginn, von einer Gesellschaft ohne materiellem Wachstum. Er hebt hervor, dass Wachstum – wie wir es die letzten 200 Jahre erlebt haben – historisch gesehen einmalig ist. Wir konnten als Menschen auch ohne Wachstum existieren. Alles was wir dazu machen müssen ist die Spielregeln ändern. Die Spielregeln ändert, wer an der Macht ist….und das sind (leider) nicht die Politiker (unsere Vertreter). An den Schalthebeln der Macht stehen Konzerne und Banken. Dass die Politik in Geiselhaft der Wirtschaft steckt, zeigt nicht zuletzt die Finanzkrise. Keine einzige Regulierung der Märkte konnte umgesetzt werden. So laufen wir weiter mit unseren Opfergaben zum Altar…
Ich möchte mit diesen Zeilen nicht den Kapitalismus per se schlecht reden. Er hat uns dorthin gebracht wo wir jetzt sind. Mit allen guten und schlechten Seiten. Doch wenn sich zeigt, dass die Leistungsversprechen nicht eingelöst werden, beginnen die Menschen nachzudenken und abzuwägen. Die Macht des Kapitalismus beginnt zu bröckeln, wie einst die Macht der Kirche. Doch während die Kirche Kontrolle durch Ideologie ausübte, organisiert der Kapitalismus die Gesellschaft über Zahlungsbereitschaft. So tun als glaube man an die Kirche und ihre Lehren mag funktionieren, so tun als hätte man Geld ist schon etwas schwieriger. Genau an diesem Punkt scheitern meiner Meinung nach die meisten Alternativen zum Kapitalismus im Moment.
Der Kapitalismus in seiner aktuellen Konfiguration mit Wachstumsdrang und Wachstumszwang steht zur Disposition. Es kann meiner Meinung nach nicht sein, dass eine Gesellschaft nur funktionieren kann wenn sie immer mehr Ressourcen verbraucht und immer mehr konsumiert. Wie pervers die Situation mittlerweile ist zeigt der Blick in die Tageszeitung. Während auf der einen Seite zum Ressourcen Sparen und zum Klimaschutz aufgerufen wird, fordert man auf der folgenden Seite höhere Wachstumsraten und Maßnahmen, um den Konsum zu fördern.
So laufen wir weiter zu Altar und opfern, unsere Entwicklung als Menschen und vielleicht sogar unsere Zukunft!
Leben in zwei Realitäten
Sie lesen ein Buch, sind total vertieft; Bilder enstehen in ihrem Kopf und ermöglichen ihnen eine Flucht in eine andere Welt. Ein plötzliches Ereigniss reißt sie aus der Zweisamkeit mit ihrem Buch und ihrer Fantasie. Sie blicken auf und sind wieder zurück in der Realität. Kennen Sie diese Situation? Ich glaube schon. Genau so habe ich mich heute wieder einmal gefühlt, als ich nach intensiver zweitägiger Befassung mit Finanzkrise, Klimawandel und Peak Oil aus dem IFZ in Graz auf die Straße trat….zurück in der Realität. Es dauert nur ein paar Sekunden und die alten Gedanken sind verschwunden und man ist schon wieder Teil des Alltags.

Way of hope - Spirituelle Initiative für einen Wandel unserer Gesellschaft
Der Alltag funktioniert. Doch wohin man schaut (wenn man nur aufmerksam genug ist) findet man Menschen und Initiativen die sich mit gesellschaftlichen Innovationen und gesellschaftlichem Wandeln auseinandersetzen. Aktuell sind – neben vielen, vielen anderen – www.wayofhope.info bzw. die Solidarregion Weiz auf meinem Radar erschienen. Dabei bin ich immer wieder beeindruckt, was in Österreich – teilweise weit unterhalb der öffentlichen Wahrnehmung – an Initiativen entsteht. Ich glaube, dass langsam aber sicher sich die Gesellschaft auch in 2 parallelen Realitäten befinden wird. Die Welt der zivilgesellschaftlichen Initiativen die verstanden haben, dass es einen sturkturellen Wandel benötigt und die andere – meiner Meinung nach – verzerrte Realität die täglich in den Medien konstruiert wird.
Programmhinweis
In der Sendung Dimensionen auf OE 1 kommt am nächsten Montag (21.6.) um 19.05 die Sendung “Nach dem letzten Tropfen”. Christian Brüser hat zum Thema Peak Oil (die Tatsache, dass wir in absehbarer Zeit die Erdölförderung nicht mehr ausweiten können) und Transition Towns (bürgerschaftliches Engagement im Lichte von Klimawandel, Peak Oil, Finanzkrise…) recherchiert. Unter anderem hat er auch mich als ausgebildeten Transition Trainer interviewt. Was tatsächlich gesendet wird, weiß ich allerdings nicht! Interessant wird es aber in jedem Fall.
Link zur Kurzbeschreibung.