Archiv für die Kategorie „Wirtschaft“
Gefangen in der Zwickmühle
Vor wenigen Tagen titelte orf.at mit “Weniger Konsum als Chance sehen”. Zur Sprache kommt, dass wir zuviel Ressourcen verbrauchen und dass sich der Konsum seit den 60er-Jahren versechsfacht hat. Berücksichtigt man die Bevölkerungsentwicklung, kann noch immer eine Verdreifachung festgestellt werden. Es ist zuviel, genug, aus die Maus. So kann es nicht weiter gehen, wir verbrauchen zuviele Ressourcen, wird vorgerechnet. Volle Unterstützung von meiner Seite.
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Auch wird weiter unten im Artikel richtig festgestellt, dass der Mensch sich durch den Konsum definiert, dass er auf diese Weise sein Grundbedürfnis – soziale Anerkennung – zu erreichen sucht. Einem Wertewandel zu weniger Konsum wird eine Zeitspanne von mehreren Jahrzehnten bis hin zu einem Jahrhundert in Aussicht gestellt.
Doch, dass es für unsere Wirtschaft keine Alternative zum überbordenden Konsum gibt, wird nicht angesprochen. Wenn das BIP in Amerika zu ca. 75% von den Konsumausgaben der Amerikaner abhängig ist, wird ein “freiwilliger” Konsumverzicht die Wirtschaft über die Klippe stoßen an der sie bereits steht. Es ist eigentlich abartig, dass wir ein Wirtschaftssystem betreiben, dass nur funktioniert wenn die Gesellschaft über die Maßen konsumiert. Wie wir wissen, wäre die Wirtschaftsleistung von 2008 ohne masssive Verschuldung nicht zustande gekommen. Jetzt stehen wir vor massiven Überkapazitäten und der großen Sorge, dass der Konsum ausbleibt. An der anderen Ecke rufen die Weitsichtigen, dass der Ressourcenverbrauch eingeschränkt werden soll, weniger Konsum. Als Gesellschaft sind wir mit unserem Wirtschaftsmodell in einer Zwickmühle angelangt.
Betrachtet man die sich abzeichnenden Trends (steigende Energiekosten, Wandel zur Sinngesellschaft, zunehmende Empatie, zunehmende Überschuldung) dann wird der Konsum in absehbarer Zeit rückläufig werden. Gut für die Umwelt, schlecht für die Wirtschaft, womit wir wieder bei einem zentrale Punkt angekommen wären: Geht`s der Wirtschaft gut, geht`s uns allen gut….oder doch…geht`s der Natur gut, geht`s uns allen gut!?
Nachhaltiges Finanzsystem & nachhaltige Energieversorgung gefordert
Reiseintensiv sind diese Tage für mich. Doch hat sich der Aufwand bis dato ausgezahlt. Letzten Donnerstag trat ich die Fahrt ins weit entfernte Pielachtal an, um der Einladung von Johann Weiss vom Steinschalerhof zu folgen. Der Nachhaltigkeitspionier hatte zu den Steinschaler Kamingesprächen geladen. Thema des Abends: Was hat das Finanzsystem mit Nachhaltigkeit zu tun. Als Redner war Prof. Wohlmeyer angekündigt. Es waren interessante & teilweise besorgniserregende Einblicke in unser Finanzsystem. Wie wir es drehen und wenden, die Loslösung der Finanzwirtschaft von der Realwirtschaft wird zu einer Implosion des Systems führen. Die Frage ist, ob wir es schaffen eine geordnete Implosion zu organisieren, oder ob es „einfach geschehen wird“. Nach angeregter Diskussion folgte ein gemütlicher Abend im Steinschalerhof. Am nächsten Tag ging es weiter nach Wels zum Symposium „Energieautarke Gemeinde“.
Ca. 150 Gemeindevertreter waren in Wels erschienen, um sich zu dem Thema zu informieren. Neben vielen Informationen über Förderprogramme und einem anregenden World Cafè, in dem sämtliche Handlungsebenen der Gemeinden diskutiert wurden, waren der Vortrag von Prof. Kromb-Kolb, bzw. die „Best practice Beispiele“ der Gemeinden Windhaag, Güssing und Langenegg die Highlights des Tages. Während der Aufstieg Güssings ohne massive Ziel I Gebietsförderung durch die Europäische Union nicht möglich gewesen wäre, „leben“ die Initiativen in den anderen beiden Gemeinden sehr stark von bürgerlichem Engagement.

Energieversorgung wird neu gedacht! Quelle:www.schueco.com
Ihre Ausführungen über Peak Oil und Klimawandel schloss Prof. Kromp Kolb mit einem klaren Appell die Werte unserer Gesellschaft zu überdenken. Sie sprach das fortwährend Krisen produzierende Zinseszins-System an (alle 60 Jahre), forderte auf darüber nachzudenken wie ein Wirtschaftssystem ohne Wachstum aussehen könnte und dass wir lernen müssen, längerfristig zu denken. Schlussendlich brauchen wir eine Stärkung der Zivilgesellschaft. Wir stehen vor einem kulturellen Epochenwandel.
Die klare Botschaft beider Veranstaltungen: Business as usual wird unsere aktuelle Situation verschärfen. Endloses Wachstum ist auf einem endlichen Planeten nicht möglich. Diese Erkenntnis muss uns zu mehr Effizienz, zu Suffizienz und zu neuen Denkweisen führen.
Blick zur hohen Politik
Dass es viele “grass roots” – Initiativen gibt, die sich mit einer ökologisch & sozial gerechten Zukunft beschäftigen, ist hinreichend bekannt. Doch auch in der hohen Politik scheint man sich dem Thema der Nachhaltig und des Wachstums langsam ernsthaft anzunehmen. Zumindest lassen die Äußerungen von Angela Merkel darauf schließen (Video, interessant ab Minute ~ 2). Sie spricht von einer nachhaltigen Finanzarchitektur, von nachhaltigem Umgang mit Ressourcen und von einer Abkehr von BIP als einzig “gültige” Messgröße für Wohlstand und Fortschritt. Ein Gespräch mit Frau Merkel wäre höchst interessant. Was sie wohl immer mit dem Begriff “nachhaltig” meint!?
Dazu ein kurzer Schwenk zur Finanzkrise. Der Beirat für gesellschafts-, wirtschafts- und umweltpolitische Alternativen (BEIGEWUM) kritisiert in seiner neuen Publikation Mythen der Krise, die mangelhafte und unvollständige Krisenanalyse:
Wenn sich die kritischen ökonomischen Theorien, durch die Krise ins Recht gesetzt, durchsetzen würden, würde bzw. müsste das mehr oder weniger fundamentale wirtschaftliche und gesellschaftspolitische Umgestaltungen nach sich ziehen.
Zurück zu Frau Merkel. Wenn sie von einer nachhaltigen Finanzarchitektur spricht, gesteht sie indirekt ein, dass es so nicht weiter laufen kann. Damit verbunden sind jedoch auch genau die vom BEIGEWUM angesprochenen Umgestaltungen. Ein Wandel steht bevor, das wissen auch die Politiker, doch sie wissen auch, dass es für den Wandel keine Blaupause gibt.
Video entdeckt bei Wachstum im Wandel.
Mit Direktvertrieb in die Zukunft?
Bei der gestrigen Veranstaltung der Wirtschaftskammer Osttirol referierte Michael Lebesmühlbacher – Gründer der Gemüsekiste – über seine Erfahrungen im Direktvertrieb.

Quelle: Tiroler Gemüsekiste
Aus der Saatgutbranche kommend, hatte er den Zugang zu den Bauern und wusste um ihre “Leiden & Probleme” bescheid. Harte Arbeit, hohe Abhängigkeit vom Großhandel und keine Zeit, die Produkte selber professionell zu vermarkten. Dieses Klagen hat Lebesmühlbacher oft gehört, so oft, dass er daraus ein Geschäft machte und daran ging das Produkt Gemüsekiste zu entwickeln. Während seinem Vortrag ging mir ein Licht auf und mir wurde klar, welche Bedeutung Direktvermarktung zukünftig haben wird. Lebensmühlbachers Verständnis der Direktvermarktung fußt nämlich auf vielen Eckpunkten, die für eine nachhaltige Zukunft notwendig sind. Ein paar wenige Punkte dazu:
- Serviceorientierung – der Mensch und nicht der Profit steht im Mittelpunkt.
- Soziale Orientierung – persönliche Beziehungen und Vertrauen aufbauen.
- Dezentralität – die Gemüsekiste verfügt über keine großen Lager.
- Autonomie der kleinsten Einheit – Heimarbeit in der Verwaltung, im Marketing und der Produktion.
- Mehrfachnutzung von Strukturen – Nutzung der Lager & Transportmöglichkeiten der Bauern.
- Funktionsorientierung statt Produktorientierung – die Produkte in der Gemüsekiste sind jahreszeitlich variabel. Es geht um gesunde Ernährung und nicht um eine Gemüsesorte.
Sehr viele Aspekte entsprechen den Anforderungen an die Nachhaltigkeit. Das Produkt Gemüsekiste besticht natürlich auch dadurch, dass es auf der Trendwelle der Regionalität und der gesunden Ernährung surft. Der Erfolg mit 100.000 ausgelieferten Gemüsekisten im Jahr 2009 an 3.000 Abokunden spricht für sich.
Dass Direktvermarktung im Aufstieg begriffen ist, zeigen auch die weltweiten Zahlen: Während 1988 8,5 Mio. Geschäftspartner im Direktvertrieb tätig waren, sind es heute 63 Mio. Der Umsatz beläuft sich auf ca. 100 Mrd. Dollar.
Direktvermarktung wird die Welt nicht retten, doch hat sie das Potenzial durch ihre dezentrale Organisation und Integration in lokale Kreisläufe einen Beitrag zu einer nachhaltigeren Wirtschaftsform (eventuell ohne Wachstumszwang ???) beizutragen.
Zum Leben zu groß – zum Sterben zu groß
Wie der Name ja schon betont, beschäftigt sich Zukunftsraum mit der Zukunft. Der Blick aufs “Große & Ganze” und auf langfristige Mechanismen ist dabei wichtig. Um Entwicklungen in ihrer Bedeutung besser einordnen zu können, ist es zielführend gewisse “evolutionäre” Konstanten zu berücksichtigen. Zum Beispiel besagt die Thermodynamik, dass in einem geschlossenen System die zur Verfügung stehende nutzbare Energie im Laufe der Zeit abnimmt. Dieser fortschreitende Verfall wird durch zunehmende Komplexität, durch ein zunehmendes Maß an Organisation ausgeglichen (sich selbstorganisierende Systeme, Autopoiese).

Autopoiese - sich selbst organisierend. Ein System erschafft bzw. organisiert sich selbst! Quelle: http://www.ulme-mini-verlag.de
Wenn man an fossile Ressourcen denkt, die mit uns Menschen verwoben für unsere zeitliche Dimensionen ein geschlossenes System darstellen (Öl wird nicht im Laufe eines Menschenlebens nachgebildet), erkennt man, dass der Mensch von dieser Logik der Thermodynamik ebenso betroffen ist und sich ihrer nicht entziehen kann (Ausbeutung bzw. Verknappung von Ressourcen).
Wie werden wir steigende Energiekosten bis hin zur Energieknappheit also managen können? Wie wird die Gesellschaft diese großen Strukturen (Autobahnen, Großkonzerne, Großbanken…) aufrechterhalten können, die auf hochenergetischen fossilen Ressourcen aufbauen? Wenn der energetische Input fehlt (Alternative Energie wird nach heutigem Stand der Technik Erdöl energetisch nicht ersetzten können), werden wir durch Organisation dieses Manko beheben müssen. Mehr Organisation bedeutet mehr Beteiligte, bedeutet kleinere Einheiten. Kooperation & Vernetzung wird das Zukunftsthema.
Wenn wir aufmerksam in den Medien lesen merken wir schon erste Anzeichen aus der Wirtschaft. Große Unternehmen und Banken, die nicht mehr überleben können. Too big to fail (TBTF)! Was fordert z.B. Obama? Zerschlagung der Banken! Kleinere Strukturen, denn kleine Strukturen mit dem richtigen Vernetzungsgrad sind um ein Vielfaches robuster als große Strukturen, die von einem mächtigen Energieinput (Geld ist im Endeffekt auch Energie) abhängig sind.