Tag: Vision

Rezension: Die Post-Kollaps-Gesellschaft

Bei Recherchen im Internet bin ich auf das Buch „Die Post-Kollaps-Gesellschaft“ von Johannes Heimrath gestoßen. Zugegeben, der Titel erzeugte in mir eine gewisse Ambivalenz. Irgendwie zog mich der Titel an, irgendwie stieß er mich aber auch ab. Kollaps, das tönt so negativ. Veränderung, ja bitte, aber muss es denn gleich ein Kollaps sein durch den sich die Veränderung ausdrückt, geht es nicht anders? Da mir der Verfasser bereits von der Zeitschrift OYA bekannt war, griff ich trotz, oder gerade wegen der Ambivalenz zu.

Zum Inhalt: Für Heimrath steht es fest, wir sind dem Kollaps geweiht. Es gibt kein sanftes Entrinnen, kein Pflaster, das wir auf unsere sozialen, ökologischen und ökonomischen Wunden kleben können und alles wird gut. Mit gut dosierten Zahlen und Fakten und ein paar theoretischen (systemischen) Grundlagen bereitet er den Boden für seine Kollapsüberzeugung auf. We are doomed, und zwar richtig. Die ersten 140 Seiten des Buches lassen das Unbehagen des Lesers immer stärker anwachsen. Die 2 von ihm beschriebenen möglichen Post-Kollaps „Negativ-Szenarien“ bilden den Höhepunkt des Schauderns. Im zweiten Buchteil steigt man langsam wieder aus dem Keller der Niedergeschlagenheit, welche der erste Teil provoziert hat, heraus. Aber nur langsam. Denn so griffig und bildhaft wie Heimrath die Negativ-Szenarien beschreibt, fällt die Beschreibung des positiven Szenarios nicht aus. „Seine“ positive Vision der Commonie bleibt vage und in vielen Dimensionen offen. Er skizziert mit Hilfe von grundlegenden Prinzipien und mit Hilfe von Beispielen aus seinem 40-jährigem Leben in Gemeinschaften.

Bunte und wertschätzende Anmerkungen: Das Buch ist so gut gefüllt mit Zahlen, Fakten und Gedanken, dass es schwer fällt, die „richtigen“ Punkte für die Besprechung des Buches herauszugreifen. Ich nehme daher einfach ein paar Gedanken auf, ohne Anspruch darauf, dass die wichtigsten Aussagen des Buchs dabei sind.

Heimrath öffnet mit seinem wertvollen Buch einen für Viele wahrscheinlich neuen Denkraum. Er stellt die Frage nach dem „guten Leben“, nachdem was sein könnte, wenn wir aus dem zerstörerischen Alptraum unserer Ersten Welt geweckt werden. Auch wenn man mit der grundlegenden Aussage des Kollaps nicht übereinstimmen will, so reißt es den Leser aus seiner eingelullten Technikgläubigkeit, „Europa-Zentriertheit“ und Selbstzufriedenheit heraus.

Befremdend mag wirken, dass der Autor alle Initiativen zur Rettung der Welt als unter dem Strich wirkungslos für eine geordneten Wandel ansieht. Muss er auch, denn wer vom Kollaps ausgeht, für den sind Social Entrepreneurship und Green Tech, sowie ATTAC und Transition Towns nur Pflaster auf einem Krebsgeschwür – zur Heilung ungeeignet. Wenn ich Herrn Heimrath richtig verstanden habe geht es ihm jedoch nicht darum, all diese „Bewegungen“ schlecht zu reden, sondern ihre Wirkung auf einen geordneten Wandel in Frage zu stellen. Er meint: „Das System kann von innen heraus nicht zulassen, dass wir es abschalten.“ Es ist zu vernetzt, verschachtelt, komplex als das ein harmonischer Systemwechsel möglich sei. Wir brauchen eine Quantensprung. Die Energie, welche dafür von Nöten ist, kann nur ein Zusammenbruch bereit stellen.

Heimrath greift in seinem positiven Szenario das Thema persönliches Eigentum bzw. den freiwilligen Verzicht darauf auf. Dies dürfte bei vielen Lesern einen klassischen Kommunismus-Reflex auslösen. Ich kann nur jeden dazu einladen, aus der konstruierten Dualität von Kommunismus und Kapitalismus auszusteigen und sich für 3. und 4. Wege zu öffnen. Denn wir werden nicht mit alten Methoden und altem Denken neuartige Strukturen aufbauen können.

Nach vielen „hochfliegenden“ Gedanken landet Heimrath gegen Ende seines Buches wieder am Boden der Realität: „Bleiben wir realistisch. Unsere gute Geschichte ist für die weitaus meisten nicht einmal Utopie, sondern schlicht „Spinnerei“, freundlicher gesagt, Illusion. Die Sache ist umso schlimmer, als wir einen guten Ausgang aus der Krise ja keinesfalls in Aussicht stellen dürfen. Zu gering sind die Chancen, dass unsere Modelle des guten Lebens sich flächendeckend, gar weltweit ausbreiten und man würde uns zu Recht Euphemisten, Schönredner, schelten, wenn wir so täten, als sei die neue große Geschichte eine, die schon kurz vor dem Horizont heraufdämmerte. Man bleibt lieber bei dem was man kennt auch wenn es schmerzt.“

Das Buch wendet sich laut Autor nicht an ein Zielpublikum und es ist kein 10 Punkte Programm für das Leben nach einem möglichen Kollaps. Im Buch die Post-Kollaps-Gesellschaft stellt Johannes Heimrath schlicht Fragen, zu denen es ihn drängt. Und gerade das macht das Buch wahrscheinlich so spannend und faszinierend. Es ist nicht bequem und romantisierend, ganz im Gegenteil, es mag verstören, oder wachrütteln. Es will nicht überzeugen oder Prognosen erstellen, es will Fragen stellen. Es ist kein Buch das man liest, dann einfach zurück ins Regal stellt und zum Alltag übergeht. Es ist das Buch eines praktizierenden mitfühlenden Vordenkers.

Aus dem letzten Kapitel: Der Wind weht wo er will. Wir hören ihn zwar, aber wir können nicht sagen, woher er kommt und wohin er geht. Der Wind ist der Geist der Zeit. Wir kreieren ihn alle gemeinsam, gemeinsam als Menschen und gemeinsam mit der mehr-als-menschlichen Welt. Es ist der Wind des Wandels, und er riecht nach Sturm. Und keiner kann voraussagen, was wann wie geschehen wird. Nur dass er kommen wird, scheint gewiss. Richten wir uns also darauf ein, dass wir eine Zeit lang nicht wissen, was richtig ist zu tun. Und richten wir uns darauf ein, dass unser Weltdorf danach mit Sicherheit ganz andres aussehen wird, als wir es jetzt kennen.

Es bleibt die Ambivalenz zwischen dem Leben im Moment – dem Genuss des guten Lebens in der ersten Welt – und dem Traum von einem zukünftigen schönen Leben für alle.



Andere Tags: , ,

 

Ideenalm 2010

Bin gerade zurück von der herrlichen Ideenalm, die von Hannes Offenbacher und Nicol Arnitz initiert wurde. Hoch über Alpbach diente die Bischoferalm als Quartier für nachhaltige Denker aller Branchen und Richtungen. Jeder der geladenen Gäste wurde von Hannes vor die Kamera “gezerrt”, um in einem lockern Gespräch über Nachhaltigkeit zu sprechen. In meinem Gespräch drehte sich alles um regionale Entwicklung und die Diskrepanz zwischen planerischen Konzepten und praktischer Umsetzung.

Hannes Offenbacher bei der Arbeit - www.mehrblick.at

Hannes Offenbacher bei der "Arbeit" - www.mehrblick.at

Richtig spannend, war das abendliche Gespräch mit anderen Hüttengästen. Ich hatte die Freude mit Thomas Nasswetter, Valentin Heppner, Hannes Offenbacher, Nicole Arnitz, Marie Ringler und Helge Fahrnberger einen Abend lang die Welt retten zu wollen. Ok, wir haben zumindest nachgedacht und sind zu der Erkenntnis gekommen, reden ist gut, handeln ist besser. Trotzdem  bin ich überzeugt davon, dass es zunächst einen Refelxions- und Denkprozess braucht, bevor man in den “Aktivmodus” umschalten kann. Wann man von der Theorie in die Praxis schreitet, muss jeder selbst für sich bestimmen. Mich hat der Abend der Praxis auf alle Fälle wieder einen Schritt näher gebracht. Danke @all für die interessanten und lustigen Stunden.



Andere Tags: ,

 

Forum Kulturelle Nachhaltigkeit

Der Wandel braust mit riesen Schritten heran. Das ist die gute und auch schlechte Nachricht vom Forum kulturelle Nachhaltigkeit. Denn ganz klar ist uns eigentlich nicht, was dies nun bedeutet? Was ist notwendig, um mit dem Wandel umzugehen und wohin wandeln wir uns eigentlich? Beim Forum kulturelle Nachhaltigkeit, bei dem 40 Organisationen aus ganz Österreich teilnehmen, wurde diese Unklarheit des Wandels bzw. des Wandelbegriffs deutlich spürbar. Meiner Wahrnehmung nach scheiden sich die Geister an der Frage, ob wir ein gänzlich neues “Betriebssystem” für die Gesellschaft brauchen, oder ob wir das alte reparieren können!? Etwas klarer ausgedrückt, ist ökosoziale Marktwirtschaft eine Antwort, oder ist unsere Gesellschaft gänzlich anders – im Sinne einer Selbstorganisationsfähigkeit von Regionen – zu organisieren. Neben dieser zugegebenermaßen sehr wichtigen (Streit)Frage, herrscht jedoch Einigkeit darüber, dass quantiatives Wachstum nicht fortführbar ist. Qualitatives Wachstum (was auch immer damit gemeint sei) kann quantitatives Wachstum nicht ersetzten. Um es auf den Punkt zu bringen: Welches Betriebssystem wir zukünftig auch immer verwenden werden, das System muss mit Nullwachstum bzw. negativem Wachstum zurecht kommen. Wie wir wissen, ist das mit der neoliberalen Marktwirtschaft nicht möglich.

Vision für die Zukunft - http://zyozy.org/

Was beim Forum meiner Meinung nach  ganz klar ersichtlich wurde:

Punkt 1

Es gibt keine Blaupause für den Wandel. Es gibt keinen Fahrplan, kein fertiges Konzept, keinen Handlungsleitfaden. Bis zu einem gewissen Grad getraue ich mir auch zu behaupten, wir haben noch nicht einmal ein Ziel. Wahrscheinlich braucht es das auch nicht. Denn wichtig ist nicht das Ziel – das wir vielleicht nie erreichen – sondern eine Vision wie wir leben wollen und die Gestaltung des Prozesses, der uns der Vision näher bringt.

Punkt 2

Prozesse müssen gestaltet werden. Von der Politik, der Wirtschaft und den Bürgern. Dabei haben Wirtschaft und Politik eine starke Dynamik. Politik und Wirtschaft agieren, die Bevölkerung reagiert und lässt sich führen und steuern. Genau hiert liegt ein ganz wichtiger Ansatzpunkt. Solange sich die Bevölkerung unkritisch führen lässt, lässt sich keine Wandeldynamik erzeugen. Wir brauchen Selbstermächtigung der Bevölkerung, Selbststeuerung, Selbstvertrauen und Zivilcourage. Solange wir passiv sind und warten, dass etwas geschieht, sind wir Entwicklungen ausgeliefert. Tom Beck (der Mann ist wirklich gut) würde sagen: Wir müssen in unsere Kraft gehen!!!

Die Zukunft ist unsicher, die Zukunft ist anders. Die Zukunft liegt an uns. Sicher ist hingegen: Nur wenn wir den Rechenstift durch unser Herz ersetzen, werden wir eine glückliche Zukunft haben.



Andere Tags: , ,

 

Ist es denkbar

Zweimal durchatmen, Kopf frei machen und lesen:

Ist es denkbar, fragt ich mich, etwas zu entwickeln, das all das, was die moderne Kultur geopfert und verloren hat – von der Religion über die Familie bis zur Dorfgemeinschaft – wettmacht? Ist es denkbar, unsere Technologien – die ja brillant sind – nicht mehr dazu zu benützen, um Meere leerzufischen und Treibhausgase zu produzieren, sondern dazu, den Menschen jene Arbeit abzunehmen, die sie verkrüppelt und ihnen den Geist austreibt? Ist es vorstellbar, den Menschen zu einem viel größeren Maß bisher die Möglichkeit zu geben, sich die entscheidenden Fragen zu stellen: Was ist es, das ich auf dieser Erde will.

Diese Zeilen stammen aus dem Artikel von Frithjof Bergmann “Die Neue Arbeit: Auf dem Weg zu einer Kultur ohne Wachstumszwang”.  Mehr ist an dieser Stelle glaube ich nicht zu sagen. Einzig vielleicht noch: Wenn wir zukünftig als Gesellschaft  erfolgreich (=lebensfähig)  sein wollen, müssen wir unsere Scheuklappen abnehmen und Neues denken.