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Neues Denken
In der letzten Ausgabe (1/10) der Zeitschrift Organisationsentwicklung (Zeitschrift für Unternehmensentwicklung und Change Management) war ein interessantes Interview mit Dr. Peter Senge zu lesen. In seiner weltweiten Lehrtätigkeit übersetzt er die “abstrakten” Konzepte der Systemtheorie in konkrete Werkzeuge für wirtschaftliche und organisatorische Veränderung.
Nachstehend möchte ich ein paar Zitate aus diesem Text anführen:
Alle Nachhaltigkeitsprobleme entstammen der gleichen Quelle: Wir wissen nicht, wie wir das gesamte System wahrnehmen können.
Firmen mit einer größeren systemischen Sichtweise profitieren von der Zusammenarbeit mit unterschiedlichen Partnern.
Die Fähigkeit zu echter Zusammenarbeit zu entwickeln ist harte Arbeit.
Senge definiert langfristiges und systemisches denken als Erfolgsfaktor für die Zukunft.

Jeder Punkt stellt einen Mensch und sein Denkmuster in Raum&Zeit dar.
Ein fiktives Beispiel aus der Praxis soll diese Zitate etwas erhellen: Ein Hotelier aus dem Tiroler Zillertal entdeckt die günstigen Flugpreise von London nach Innsbruck bzw. München für sich. Seine Frau ist Engländerin, kennt die Ansprüche der Briten, spricht die Sprache der “Inselbewohner” und hat hervorragende Kontakte in ihre alte Heimat. Was liegt näher, als sich als Hotel auf Gäste aus England zu spezialisieren. Die ersten 3 Jahre läuft alles bestens. Doch dann die “Katastrophe”. Der Pfund wird abgewertet und der Ölpreis steigt. Innerhalb weniger Monate kann der Urlaub in Österreich unerschwinglich werden. Die Engländer bleiben aus und seine alten Stammgäste hat er mittlerweile verloren, da er sich massiv auf sein Zielpublikum (Engländer) fokussiert hat. Was ich hier nur kurz umrissen habe ist ein Beispiel, wie es eventuell diesen Winter irgendwo im Alpenraum schon geschehen ist. Der Hotelier hat kurzfristig mit ein paar wenigen Variablen (Kontakt nach England, günstige Flugpreise…) überlegt und sich kein großes Bild gemacht. Er hat sein System viel zu eng abgesteckt. Er hat nicht global gedacht.
Doch genau in diesen globalen Faktoren (Finanzmärkte, Ölpreis, CO2-Debatte usw.) liegen die Faktoren, die unser zukünftiges Handeln massiv beeinflussen werden. Als wirtschaftende Akteure müssen wir den Schwenk vom lokalen kurzfristigen Denken zu einem gloablen langfristigen Denken schaffen. Dieser “Shift” in der Denkweise stellt für Prof. Senge die größte Innovationsherausforderung mit der die Menschheit je konfrontiert war, dar.
Vor der Krise ist IN der Krise
Wenn man sich mit der Zukunft beschäftigt, muss man zwangsläufig im systemischen Denken verhaftet sein. Prognosen die nur auf einen Ausschnitt der Realität berücksichtigen sind zum Scheitern verurteilt. Je tiefer man in “das System” unserer Gesellschaft eindringt, desto mehr verlässt man das Greif- und Fassbare und taucht in die Psychologie ein. Es ist wirklich erstaunlich, zu welchen Erkenntnissen die moderne Psychologie (verknüpft mit den Naturwissenschaften) in den letzten Jahren gelangt ist. Diese Erkenntnisse, die ich an anderer Stelle vertiefen möchte, lassen ein völlig neues Verständnis unserer heutigen Situation entstehen. Dabei gerät unsere materialistische Prägung stark ins Wanken und die Bedeutung des Geistes (metrisches Feld bei Einstein) wird hervorgehoben. Der Übergang von einem rein matrialistischen Weltbild hin zu einer Gleichberechtigung von Materie und Geist ist die Herausforderung der wir uns stellen werden müssen. Was 1970 mit den “Grenzen des Wachstums” (Meadows) begann, erlebt dieser Tage in den Medien eine Wiedergeburt. Aktuelle Beispiele sind auf den Seiten des ORF und des Standard zu finden. Interessant in diesem Zusammenhang ist auch die Konferenz Wachstum im Wandel im Jänner in Wien.
Im Herbst 2008 tönte ein aufwühlender Spruch durch die Medien: “Nach der Krise wird nichts mehr sein wie vor der Krise”. Nun stehen wir am Wechsel in das Jahr 2010 – und was hat sich geändert? Wenn der Spruch Gültigkeit haben soll (und die hat er meiner Meinung nach), stehen wir noch immer am Anfang der Krise, denn geändert hat sich noch nichts. Das System ist das gleiche. Sämtliche Anreizmechanismen und Regeln funktionieren wie bisher, es wird versucht das alte System wiederzubeleben. Vor der Krise ist also nach der Krise – oder treffender, vor der Krise ist in der Krise.
Mein Lebensprojekt
Traditionell blickt man am Ende jedes Jahres mit einem Auge zurück und mit dem anderen nach vor. Was ist gelaufen, was bringt die Zukunft? Für mich persönlich hat mein “Lebensprojekt” Zukunftsraum begonnen. Angetrieben von der Frage nach dem Warum und Wieso stelle ich mich den Fragen der Zukunft.

Die Erde dreht sich auch 2010 weiter!
Zukunft war in den letzten 60 Jahren immer ein Garant, dass es für uns Westeuropäer – zumindest materiell – immer besser wird. Im historischen Kontext haben wir es mit einer einmaligen Situation und einem einmaligen Wohlstandsgewinn zu tun. Spätestens seit der Jahrtausendwende hat sich das positive Zukunftsbild etwas verdunkelt. Die Internetblase, die Anschläge von 9/11, Afganistan, Irak, Ölpreisrally, Finanzkrise, Wirtschaftskrise, Klimaalarm, um nur einige wenige ganz offensichtliche Ereignisse zu erwähnen. Gerade mit den jüngsten wirtschaftlichen Ereignissen hat ein Nachdenkprozess eingesetzt, die Zukunft wird kritischer gesehen. Wer offenen Auges durch die Welt geht, Zeitung liest, sich im Internet erkundigt und reflektiert, der kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass sich etwas tut.
Ich persönlich bin nach 3-jährigem persönlichen Studium von Peak Oil, Finanz- und Wirtschaftssystem, Klimawandel und sozialer Gerechtigkeit zu der Erkenntnis gelangt, dass wir am Anfang eines Strukturwandels stecken. Was wir im Moment erleben ist nicht nur ein kleiner Knick in der Wachstumskurve, es sind die ersten Zeichen für einen strukturellen Wandel in der Wirtschaft und der Gesellschaft. Aus eben dieser Erkenntnis ist mein Lebensprojekt Zukunftsraum entstanden. Es bewegt sich eigentlich zwischen zwei Welten. Mit einem Bein ist es in den bestehenden Strukturen verankert, mit dem zweiten Bein macht es erste Schritte in die Zukunft. Was die beiden Gliedmaßen zusammenhält ist das Wissen über die Wichtigkeit lokal verwurzelter, funktionierender und agierender Akteure, Strukturen und Gemeinschaften.
Blicken wir also in die Zukunft. Offiziell eröffnet wird das Jahr 2010 mit der Teilnahme am Wachstum im Wandel – Kongress im Jänner in Wien. Im Februar wird vernetzt. Gemeinsam mit anderen Beratern wird an einem Beratungsleitbild zum Wandel gearbeitet. Das Thema des Wandels wird im März mit dem von mir durchgeführten Workshop “Welt im Wandel” in Lienz weitergetragen. Im April steht eine persönliche Horizonterweiterung am Plan: Ausbildung zum Transition Trainer. Bis Mai sollte die Produktion der Printprodukte (Erlebnisführer) für den Outdoorpark Oberdrautal abgeschlossen sein. Gemeinschaftlich wird in der ersten Jahreshälfte auch das Thema Flusswandern auf der Drau weiterentwickelt. Soweit die ersten Fixpunkte. Einige Projekte hängen noch in der Ideen-Konzept-Schleife in meinem Hirn. Wenn die Zeit dafür Reif ist, werden sie an die Öffentlichkeit gelangen.
2010 wird ein Jahr der Unsicherheit, so verkünden es die Medien und sie dürften Recht damit haben. Relative Sicherheit können wir nur haben wenn es globales robustes Wachstum gibt. Dann ist abzusehen was passieren wird. Doch dem Wachstumsprozess liegen immer mehr Hindernisse im Weg: Explodierende Staatsschulden, steigende Energiekosten, steigende Arbeitslosigkeit, steigende soziale Ungleichverteilung, die Weltklimakrise. Offiziell gibt es keine Alternative zum System des Wirtschaftswachstums, nur dieses erzeuge Stabilität. Dass dies aber nur die halbe Wahrheit ist, vermitteln uns sämtliche zuvor erwähnten krisenhaften Entwicklungen. Dass an gesellschaftlicher Stabilität auch abseits von Wirtschafswachstum gearbeitet werden kann, zeigen uns heute schon zahlreiche “Grass-Roots-Initiativen”. Diese Bewegungen “von unten” arbeiten praxisorientiert an der Zukunft. 2010 werde ich mich verstärkt dieser Initiativen annehmen und den Gedanken einer basisorientierten und selbstbestimmten Entwicklung stärker vorantreiben. Zukunftsraum möchte damit einen Schritt weiter gehen, Ideologien beiseite lassend, einen Schritt weiter in Richtung einer zukunftsfähigen Gesellschaft.
Elmar Altvater in Innsbruck
Wer sich ernsthaft mit nachhaltiger Entwicklung beschäftigt und den Begriff inhaltlich ausfüllen möchte, der weiß wie schwer es ist einem Zustand der Nachhaltigkeit in der Realität näher zu kommen. Ich habe dies schon in mehreren Artikeln angesprochen.
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In diesem Zusammenhang ist ein bemerkenswerter Vortrag von Prof. Elmar Altvater, den er vorgestern in Innsbruck gehalten hat, zu erwähnen. Kurz gefasst könnte man sagen: Huston wir haben ein Problem. Wir sind an den Grenzen des Wachstums angelangt und fast keiner merkt es. Wir schrauben an einem System im Glauben es zukunftsfähiger machen zu können. Wir glauben mit ein paar Finanzspritzen, Arbeitsmarktpaketen und ein klein wenig Mülltrennung können wir einfach so weiter machen. Nur nicht die Komfortzone verlassen.
Elmar Altvater hat in seinem Vortrag eindringlich auf die Fehler unseres Systems hin gewiesen. Die Krise die wir jetzt als Finanz- und Wirtschaftkrise wahrnehmen hat viel tiefere Ursachen als die meisten von uns glauben. Wir haben es mit einer Verschränkung von unterschiedlichen Krisen zu tun: Finanz, Wirtschaft, Energie, Klima, Soziales. Das “besondere” and dieser Situation ist der Umstand, dass sich all diese Krisen auf einem globalen Niveau abspielen. Dies ist in diesem Umfang eine Novität und macht die Situation auch so brisant. Elmar Altvater (sowie ein zunehmende Zahl an Wissenschaftlern und Wissenden) fordert eine Konzentration auf die lokalen Ressourcen und Potentiale. Er spricht von neuen (bzw. wiederzuentdeckenden) Eigentumsformen, von dezentraler Energieversorg und einer Wirtschaft ohne quantitativem Wachstum.
Der Vortrag und die nachfolgende Diskussion hat wieder gezeigt, dass sich ein struktureller Wandel ankündigt. Dieser wird seinen Ausdruck in allen gesellschaftlichen Bereichen finden. Die Geschwindigkeit des Wandels kann man schwer voraussagen, doch werden sich aufgrund der weiter oben angesprochenen Krisen und der damit verbundenen “Einschränkungen” starke Veränderungen in unserem gesellschaftlichen Umfeld ereignen, die besonders in einem Tourismusland wie Österreich stark zu spüren sein werden.
Wir wollen – wissen aber nicht wie!
Seit dem ersten “Online-Nachhaltigkeitsgipfel” sind schon etliche Tage vergangen, die für mich gewonnene Erkenntnis ist jedoch “zeitlos”: Der Wille nachhaltig zu agieren ist da, aber keiner weiß wie! So würde ich meinen persönlichen Eindruck des Gipfels zusammenfassen.
![Steht der Erde das Wasser bis zum Hals? [letro-foto.de]](http://www.letro-foto.de/images/erdkugel_480.jpg)
Steht der Erde das Wasser bis zum Hals? Quelle: letro-foto.de
Ein neues Verständnis von Unternehmenserfolg und adäquate Messgrößen wären ein erster Schritt, darüber herrschte auch am Nachhaltigkeitsgipfel größtenteils Einvernehmen. Doch der Weg zu dieser “einfachen” Forderung liegt noch im Dunkeln. Wie soll man ein neues Denkmodell zum Thema Unternehmenserfolg und neue, dazu passende Inidkatoren aufbauen und implementieren? Aus meiner Sicht der Dinge müsste man das Pferd von hinten aufzäumen, um zu erkennen wieso wir bzw. Unternehmen nicht nachhaltig agieren. Dann würden die Hürden am Weg zu mehr Nachhaltigkeit wahrscheinlich umgehend zu Tage treten und wir würden wissen, wo wir ansetzen müssen.
Seit Jahrzehnten kreist die Gesellschaft nun schon um das Thema Nachhaltigkeit ohne ihr tatsächlich näher zu kommen. Wohlwissend, dass wir so nicht weitermachen können (Klimawandel usw.), treten wir auf der Stelle und drehen uns im Kreis. Wir wollen – wissen aber nicht wie!
P.S.: Ich werde das Pferd von hinten aufzäumen und in einem nachfolgenden Artikel die Ergebnisse meines persönlichen Denkprozesses darstellen.